Andacht statt Akten

Pfarrer sind Seelsorger – und müssen doch einen großen Teil ihrer Zeit als Manager arbeiten. Professionelle Verwaltungsleiter könnten das ändern.


Eigentlich dürfte Pfarrer Karsten Loderstädt gar keine Zeit für Segen und Morgenandacht mit der Reisegruppe haben. Gerade wird der Turm seiner Annenkirche in Annaberg-Buchholz aufwändig saniert, ein Halbmillionen-Euro-Projekt. Üblicherweise sitzen bei solchen Vorhaben die Pfarrer in Bauberatungen über Plänen, brüten über Fördermittelanträgen, kalkulieren die Kosten. Karsten Loderstädt findet all dies fein säuberlich aufgeschrieben in einer Mappe. Denn die Kirchgemeinde Annaberg-Buchholz leistet sich mit Martin Lange einen Verwaltungsleiter, der zusammen mit vier Kollegen den Pfarrern das Management der Gemeinde abnimmt.

Ob Abstimmungen mit der Stadtverwaltung, Bauanträge, Mietverträge oder Friedhofsordnungen: Der Kirchenvorstand trifft die grundsätzlichen Entscheidungen, die Verwaltung arbeitet die Details aus und das Ergebnis bekommt Pfarramtsleiter Loderstädt zur Unterschrift vorgelegt. »Dass ich auch Zeit für spontane Gespräche habe und viele Veranstaltungen und Kreise gut vorbereiten kann, wäre unmöglich, wenn die Verwaltung nicht perfekte Zuarbeit leisten und mir den Rücken freihalten würde«, sagt Pfarrer Loderstädt.

Seine Kirchgemeinde ist mit 5000 Mitgliedern, mit der bei Touristen beliebten Annenkirche, sechs Gotteshäusern, drei Friedhöfen und fünf Pfarrern freilich sehr groß für sächsische Verhältnisse – und eine Ausnahme. Zwar gibt es in den sächsischen Kirchgemeinden über 1000 Verwaltungsmitarbeiter, doch hat jeder von ihnen im Durchschnitt nur einen Stellenumfang von 35 Prozent. Auf jede Pfarrstelle gewährt die Landeskirche die Finanzierung einer Viertel-Verwaltungsstelle, manche Gemeinden lei­sten sich etwas mehr.

Reicht das aus? Eine Arbeitsgruppe der Landessynode zur Überprüfung der Verwaltungsstrukturreform kam im letzten Jahr zu einem alarmierenden Ergebnis. »Wir sind erschrocken, was eine Verwaltungskraft alles wissen muss und welches hohe Maß an Weiterbildung sie braucht«, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Pfarrer Rainer Zaumseil. »Das geht nicht bei Viertel-Stellen.« Etwa beim Ausfüllen von Fördermittelanträgen können kleine Fehler einer Kirchgemeinde großen finanziellen Schaden zufügen.

werkstatt_70Doch für Verwaltungsstellen von durchschnittlich 35 Prozent Umfang seien nur selten ausgebildete Mitarbeiter zu finden, schreiben die Synodalen in ihrem Bericht. Sie plädieren deshalb für Kooperationen oder Zusammenschlüsse von Kirchgemeinden auch im Verwaltungsbereich, um attraktiv für fachlich qualifiziertes Personal zu sein. Wo dies nicht gelinge, komme es »häufig auch zu Schwierigkeiten und Fehlern im Verwaltungshandeln, was dazu führt, dass Mitarbeiter im Verkündigungsdienst immer mehr mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt werden«, so die Synodalen.

Pfarrer Karsten Loderstädt weiß aus einer früheren Pfarrstelle, was das heißt. »Wenn die Schublade mit den Verwaltungsaufgaben überquillt, hat mich das mürbe gemacht. Man ist als Theologe kaum ausgebildet für diesen Bereich.« Professionelle Verwaltungsleiter sind so gesehen auch ein Schutz vor dem seelischen Ausbrennen bei Pfarrern.

»Man muss Vertrauen in die Kompetenz seiner Mitarbeitern haben«, sagt Karsten Loderstädt. »Ich muss nicht jede Zahl kennen aus Angst, Macht zu verlieren. Denn dann bin ich nicht frei für die Aufgaben, für die ich eigentlich da bin.« Auch von den Theologen verlangt dieses Modell etwas: abgeben können. Für den Annaberger Pfarrer ist sein Verwaltungsleiter Bruder Lange.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]