Kein Geld für die Schule

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Weniger Kinder aus ärmeren Familien kommen im Sommer neu in eine evangelische Schule. Denn Sachsen streicht ihnen die Unterstützung.
Da haben die evangelischen Schulen Jahre gegen das böse Vorurteil von der privaten Eliteschule gekämpft, haben Kinder auch aus ärmeren Familien aufgenommen, haben soziale Projekte angeschoben. Und nun holt sie das Klischee wieder ein. Von oben und ungewollt.

Im vergangenen Dezember hat Sachsens CDU-FDP-Koalition im Rahmen des Milliarden-Kürzungspakets beschlossen: Kinder aus ärmeren Familien, die ab kommendem August neu eine freie Schule besuchen wollen, erstattet der Freistaat nicht mehr die monatlich 60 Euro für das Schulgeld. Der Protest der Kirchen änderte daran nichts.

In der Evangelischen Schule Wilkau-Haßlau sind schon erste Folgen zu spüren. Etwa ein Viertel weniger Interessenten für eine Einschulung zählt Leiterin Sieglinde Eichert. Im Evangelischen Schulzentrum Chemnitz kommt in diesem Jahr nur eine einzige erste Klasse zusammen. Über die Gründe kann Geschäftsführer Stefan Meyer nur spekulieren. »Aber es könnten auch Auswirkungen der Kürzungen sein.«

An den 46 evangelischen Schulen in ganz Sachsen bezahlt der Staat bisher für 12,8 Prozent der Schüler – etwa 960 Jungen und Mädchen – das Schulgeld, so die Schulstiftung der evangelischen Landeskirche. Deren Vorstand Martin Herold hat ausgerechnet: »Aus Familien, die bisher Anspruch auf Schulgelderstattung gehabt hätten, gibt es in unseren Schulen jetzt 50 Prozent weniger Anmeldungen.«

Für Kultusminister Roland Wöller (CDU) ist der soziale Ausgleich Aufgabe der Schulträger. Doch die bekommen in Sachsen ohnehin nur 70 Prozent ihrer Ausgaben vom Staat erstattet. Für das Schulgeld eines Schülers müssten die Schulen zusätzlich 720 Euro im Jahr aufbringen. »Wir als junger und kleiner Verein können uns das leider nicht leisten«, so Schulleiterin Sieglinde Eichert.

Ob in Wilkau-Haßlau, Plauen, Schneeberg oder Leipzig: Die evangelischen Schulträger fanden für einzelne Schüler Christen oder Kirchgemeinde als Paten, die das Schulgeld übernehmen. Doch das sind Notlösungen. Als Mitglied der Synode der sächsischen Landeskirche sagt Sieglinde Eichert: »Wir müssen deutlich unsere Stimme dagegen erheben, dass ganze Gruppen ausgegrenzt werden. Eine evangelische Schule darf keine Eliteschule sein.«

Um keine Schüler ablehnen zu müssen, tun die evangelischen Schulen einiges. Im Chemnitzer Schulzentrum bezahlen die wohlhabenderen Eltern etwas mehr, die weniger Wohlhabenderen etwas weniger – und mit Spendengeldern wurde ein Sozialtarif von monatlich 45 Euro eingeführt. »Aber für manche Eltern ist auch das noch zu viel«, weiß Geschäftsführer Meyer.

Die Freie Evangelische Schule Dresden bietet Eltern an, etwa Hausmeistertätigkeiten oder Reinigungsarbeiten für 7,50 Euro die Stunde zu übernehmen und so das Schulgeld zu erwirtschaften. »Wir möchten finanziell schwächeren Familien eine Brücke anbieten«, sagt ihr Geschäftsführer Gottfried Schumacher. »Es tut uns weh und läuft dem christlichen Gedanken zuwider, wenn sie nicht mehr zu uns kommen.«

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen will mit einem Antrag im Landtag am 30. Juni die Streichung der Schulgelderstattung kippen. Doch die CDU könne nicht zustimmen, sagt deren Bildungsexperte Thomas Colditz. »Zwar sehe ich persönlich Handlungsbedarf und hätte mir gewünscht, wir hätten es gar nicht so weit kommen lassen«, sagt der evangelische Abgeordnete mit Blick auf die Kürzungsbeschlüsse seiner Fraktion. Doch das Thema könne erst bei den Beratungen über den nächsten Haushalt 2012 wieder auf der Tagesordnung stehen.

Die Grünen bereiten indes eine Klage gegen die Kürzungen vor dem sächsischen Verfassungsgericht vor. Denn in Artikel 7 des Grundgesetzes wird freien Schulen ausdrücklich die »Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern« verboten. Was aber, wenn der Staat sie dazu zwingt?

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]