Post von Herzen

Vier Jahre war Liedermacher Gerhard Schöne einst Briefträger. Für sein neues Programm »Die Lieder der Briefkästen« schlüpft er noch einmal in diese Rolle. Foto: Karoline Schöne/Darknightsky, Fotolia.com

Vier Jahre war Liedermacher Gerhard Schöne einst Briefträger. Für sein neues Programm »Die Lieder der Briefkästen« schlüpft er noch einmal in diese Rolle. Foto: Karoline Schöne/Darknightsky, Fotolia.com

Immer weniger Menschen schreiben Briefe mit der Hand. Dabei gibt es kaum etwas Persönlicheres, meint auch der Liedermacher Gerhard Schöne.
 
Sie kann blau sein, schwarz oder grün. Zerklüftet wie eine zerstörte Stadt oder gleichmäßig wie eine sanfte Landschaft. Eine Handschrift kann von Angst und Tod erzählen, geschrieben in Feldpostbriefen aus Afghanistan oder aus Verdun. Sie kann das hohe Lied der Liebe singen – beileibe nicht nur im Brief des Paulus an die Gemeinde im griechischen Korinth. In Briefkästen muss ein ganzer Kosmos leben.

Und Gerhard Schöne will sie erlauschen: Die Lieder der Briefkästen. Der Musiker aus Meißen sammelt Briefe, die er in seinem gleichnamigen Programm ab November zum Klingen bringen kann. Er selbst schreibt auch. Mit einem schwarzen, schweren Füller, den er einst von einer alten Märchenerzählerin geschenkt bekam. Die Buchstaben, die er aufs Papier wirft, fliehen anmutig zappelnd nach links. »Wenn man mit der Feder auf dem Papier aufdrückt, wird die Schrift immer schöner«, schwärmt der Liedermacher. »Die Rundungen, der Schwung. Welche Lust das Schreiben auch macht.« Manchmal, abends, legt er sich Musik auf und genießt die Schrift.

Natürlich, auch Gerhard Schöne tippt Texte am Computer. Doch wenn es um Menschen geht, nahe Liebste oder ferne Hörer, formuliert er mit der Hand. Ganz langsam. »Das Schreiben hilft mir, meine Gedanken zu klären. Man hat mehr Zeit nachzudenken.« Eine Hörerin schrieb dem Liedermacher nach Erhalt seiner Antwort überrascht: Einen handgeschriebenen Brief habe sie schon seit Jahren nicht mehr im Briefkasten gehabt.

In der Tat: Er ist etwas aus der Mode gekommen. Zwar beförderte die Deutsche Post im vergangenen Jahr acht Milliarden Briefe und Karten – doch in den vergangenen zehn Jahren ist ihre Zahl um 16 Prozent geschmolzen. Beileibe nicht nur junge Leute schreiben sich heute meist kurze Nachrichten über Internet oder Funktelefon.

Ob das Christentum und seine Theologie auch entstanden wären, wenn Paulus nur E-Mails versandt hätte? Die Bibel jedenfalls ist ohne Briefe unvorstellbar. Der Prophet Jeremia schrieb an die Juden im babylonischen Exil, und von den 27 Schriften des Neuen Testaments sind 21 Briefe – von Hand geschrieben und in Abschriften erhalten. Gott selbst redete wohl durch diese Briefe. Jeder, der selbst zur Feder greift, weiß: Es ist ein Gespräch, das dann beginnt.

»In einem Antwortbrief kann ich nicht nur schreiben: Danke für Ihre nette Post – sondern ich muss auch etwas von mir preisgeben«, sagt der Liedermacher Gerhard Schöne. »In der Handschrift liest man auch eine ganz andere Art von Zärtlichkeit, Zugewandtheit und manchmal auch Humor als in einer E-Mail.«

Damit könnte es bald vorbei sein. Zumindest müssen Hamburgs Erstklässler ab August nicht mehr unbedingt die Schreibschrift erlernen, Druckbuchstaben reichen. Andere Bundesländer könnten folgen.

An die Zeit, als solche Diskussionen so utopisch waren wie ein Funktelefon mit Kamera, kann sich Gerhard Schöne noch gut erinnern. Er war Briefträger, vier Jahre lang neben seinem Musikstudium. Es war eine Zeit, in der Leute am Zaun standen und nach der Post Ausschau hielten, in der der Bote beim Frisör ein Schnäpschen bekam und für alte Mütterchen der einzige Gesprächspartner am Tag war. In der jedes Öffnen des Briefkastens eine Verheißung war, eine Hoffnung mitunter. Und der Same einer Erinnerung.

Auch Gerhard Schöne hat auf seinem Boden Berge von Briefen in verschnürten Koffern. »Wenn ich mal ein alter Mann bin, hole ich sie und freue mich.« Mit Computer-Dateien geht das nicht. Sie verdunsten, irgendwo.

Andreas Roth

Hat ein Brief Ihr Leben beeinflusst? Schrei­ben Sie noch? Und warum? Gerhard Schöne sucht Briefe für sein neues Programm. Schreiben Sie an Gerhard Schöne, Buschfunk-Briefkasten, Rodenbergstraße 8, 10439 Berlin.

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