Kein Mensch darf verloren gehen

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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19, Vers 10

Eine Vermisstenmeldung setzt Suchtrupps der Polizei in Bewegung. Flugzeuge suchen unzugängliches oder unüberschaubares Gelände von oben ab. So wird ein Mensch gesucht, der verloren gegangen ist. Stelle ich mir Jesus als so einen Polizisten oder Piloten vor? Ein anderes Bild: Ein kleiner Junge im Treiben eines großen Festes ruft: »Mutti, wo bist du?« Vielleicht fühlt er sich noch gar nicht verloren, weil er voller Vertrauen ist, dass seine Mutter sicher kommen wird.

Wir können in der Masse ebenso wie in der Abgeschiedenheit verloren gehen. Wir mögen es spüren oder ahnen, in überflüssiger Sorge oder falscher Sorglosigkeit sein. Jesus bezeichnet seine Aufgabe als Retter von Verlorenen, nachdem er einen Mann von einem Baum geholt hat – inmitten einer Menge Leute. Beide haben Probleme miteinander, der Mann vom Baum und die Leute. Die Auseinandersetzung, die Jesus mit seinem Ruf eröffnet, kommentiert er mit dem Satz: »Auch dieser ist ein Sohn Abrahams.«

Der Verlust war beidseitig. Der Mann hatte die Gemeinschaft der Kinder Abrahams verloren. Die anderen Kinder Abrahams hatten diesen Mann verloren.

Jesus will die Gemeinschaft Israels wieder herstellen. Vielleicht hat er dabei gar nicht an die Heiden gedacht, die heute seine Kirche bilden. Aber in seinem Abschiedsgebet, das Johannes überliefert (Kapitel 18, Vers 9), betont er: »Ich habe keinen von denen verloren, die Du mir gegeben hast.« So hat er uns die Aufgabe weitergegeben, einander nicht zu verlieren, sondern vielmehr Menschen immer wieder auf dem Weg in die Gemeinschaft der Kinder Abrahams wie der Menschenkinder überhaupt zu helfen.

Timotheus Arndt

Timotheus Arndt ist Mitarbeiter der Forschungsstelle Judentum an der Universität Leipzig.

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