Stiften gehen

Die Landeskirche kürzt Stellen – und eine Gemeinde kann nichts dagegen tun? Nein, sagten sich Christen in Dresden-Loschwitz und gründeten eine Stiftung. Doch dafür braucht man viel Geld.

werkstatt_70Am Dresdner Elbhang ist manches anders als anderswo. Auch die Loschwitzer Kirchgemeinde geht dort ihre eigenen Wege. Am 2. Oktober, zu Erntedank, verabschiedet sie Dietmar Selunka, ihren Gemeindepfarrer, in den Ruhestand. Das Besondere: Die Gemeinde hat die Stelle des 63-Jährigen – wie auch die von Kantor und Gemeindepädagogin – seit 2005 über eine Stiftung mitfinanziert.

Fünf Jahre zuvor sollten sich gemäß den Vorgaben der kirchlichen Strukturreform die beiden Kirchgemeinden Loschwitz und Hosterwitz vereinigen. »Eine Fusion aber hätte die Identität der Gemeinde zerstört«, befürchtete Pfarrer Selunka. Denn entscheidend gefestigt hatte sich die Gemeinde mit dem Wiederaufbau der mehr als 300 Jahre alten barocken Loschwitzer Kirche 1991 bis 1994 – durchgesetzt gegen den Willen des Landeskirchenamtes. »Wir haben die Kirche mit eigener Kraft aus einer Ruine errichtet«, sagt Pfarrer Selunka. »Nun wollten wir verhindern, dass die Gemeinde zur Ruine wird.«

Die Landeskirche aber musste sparen und reduzierte die Loschwitzer Pfarrstelle auf 75 Prozent. Die Gemeinde setzte ihre Initiative dagegen: Sie gründete eine Stiftung, die das reduzierte Gehalt des Pfarrers aufstocken sollte. »Es war das Modell, das uns frei macht«, sagt Selunka. Allerdings brauche so etwas Vorlauf, räumt der Pfarrer ein. Vertrauen sei eine wichtige Voraussetzung. »Mit wechselnden Pfarrern wäre es nicht gegangen.«

Das Ziel, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, hat die Dresdner Gemeinde erreicht. Den angestrebten Kapitalgrundstock jedoch noch nicht, wie Paul-Gerhard Weber vom Vorstand der Stiftung sagt. 600 000 Euro wären nötig, um aus den Zinserträgen die 25-Prozent-Gehaltslücke für den Pfarrer zu schließen. Mehr als 400 000 Euro seien bis jetzt zusammengekommen.

»Der Betrag ist vor allem in den letzten drei Jahren gewachsen«, sagt Stiftungsvorstand Weber. Statt einer großen Erbschaft stiften viele Gemeindeglieder kleinere Beträge per Dauerauftrag zu. Eine echte Initiative von unten, mit der die Gemeinde selbst ihr Fundament stärke, so Paul-Gerhard Weber. Eine schöne Kirche, jeden Sonntag ästhetisch anspruchsvoll gestaltete Gottesdienste – das zeige Wirkung. »Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist gewachsen. Sie liegt jetzt kontinuierlich bei etwa 100.« Und 70 Prozent der Gemeindeglieder zahlten Kirchgeld – so viel wie kaum anderswo.

Einen Nachteil offenbarte die Stiftung während der Finanzkrise: Die Zinsen sanken und damit die Erträge. Dass jeder gespendete Betrag nur über diese Erträge – also indirekt – dem Zweck zugute komme, sähen viele als Nachteil, sagt der Dresdner Kirchenfinanz­experte Friedrich Vogelbusch. Nötig sei daher ein größerer Startbetrag. Dessen Höhe richte sich nach dem Stiftungszweck. Solle zum Beispiel eine historische Orgel erhalten werden, reiche ein Kapitalstock von 100 000 Euro.

Vorteile jedoch seien der »Ewigkeitscharakter« einer Stiftung und ein klar definierter Zweck, der nicht ohne weiteres verändert werden kann. Allerdings müsse sich dauerhaft ein Kreis von Engagierten um die Mehrung des Kapitalstocks kümmern, so der Finanzfachmann Friedrich Vogelbusch. Fest steht für ihn: Die Bedeutung von Stiftungen werde zunehmen. »Allein aus der Kirchensteuer, dem Finanzausgleich aus den anderen Landeskirchen und den Staatsleistungen wird die zukünftige Arbeit nicht finanziert werden können.«

Das Interesse an Stiftungen ist in der sächsischen Landeskirche allerdings sehr gering. Lediglich zwei seien in den vergangenen beiden Jahren neu entstanden, so Kathrin Schaefer, zuständige Referentin im Landeskirchenamt. 36 kirchliche Stiftungen gibt es derzeit in Sachsen. Die Größte ist die 2008 gegründete Schulstiftung mit einem Grundstock von 4,5 Millionen Euro. Drei sind diakonische Einrichtungen. Die meisten sind von Kirchgemeinden gegründet worden. »Vor allem zur Unterstützung der Gemeindearbeit«, so Kathrin Schaefer.

Immerhin zahlt sich für die Loschwitzer nun die Langfristigkeit ihrer Stiftung aus: Ihre Pfarrstelle, die mit einem Umfang von 75 Prozent ausgeschrieben ist, kann als volle Stelle neu besetzt werden.

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]