Fukushima, war da was?

Kernkraftwerk Fukushima I nach dem Tsunami, Foto: Digital Globe, Wikipedia

Kernkraftwerk Fukushima I nach dem Tsunami, Foto: Digital Globe, Wikipedia

Die Welt, so scheint es, dreht sich immer schneller. Und wir drehen uns mit ihr. Wer erinnert sich noch an die Katastrophenbilder von vorgestern? An die Heimatlosen nach den Überschwemmungen in Pakistan, an die im Öl umgekommenen Vögel im Golf von Mexiko, an die mutigen Demon­stranten in Birma? Zum Beispiel. Wenn die Aufmerksamkeit der Zuschauer erschöpft ist und nach Neuem giert, ist das Drama zu Ende – für uns. Nicht aber für die Menschen vor Ort.

Wie in Fukushima. Von nicht wenigen abgeklärten Zeitgenossen hört man heute schon wieder: Naja, die Deutschen haben es mit ihrem hastigen Atomausstieg mal wieder übertrieben. Unvernünftige Ängste seien das nur gewesen, nichts ernst zu nehmendes. Als wäre das Gefühl etwas Peinliches. Dabei ist das Gegenteil der Fall.

Nicht nur, weil in Fukushima noch immer Arbeiter unter hohen Risiken um die Kühlung der Reaktoren kämpfen. Sondern auch, weil die Schreckensbilder die Grundlage einer neuen Ethik sind. Es ist schwerer geworden, bei Not und Elend wegzusehen – und die eigene Verantwortung zu übersehen. Zugleich aber überfordert die Nachrichtenflut das Gewissen der Einzelnen. Und ihre Seele.

Vielleicht braucht unsere globalisierte Welt ein neu erzähltes Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Mit ihm antwortete Jesus einst auf die Frage: Wer ist mein Nächster, den ich lieben und dem ich helfen soll? Es könnte sein, dass er uns in Fernsehbildern begegnet. Als einer der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, als Elendsarbeiterin, die unsere Hosen näht. Oder als einer der Männer in Strahlenschutzanzügen in Fukushima. Das Gefühl ist dabei nicht der schlechteste Ratgeber. Und auch die Erinnerung nicht.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]