Geschieden und gesegnet

Zur Hochzeit stehen die Kirchentüren weit offen – aber wie ist es beim Scheitern einer Ehe? Manche Paare wünschen sich gerade dann auch ein kirchliches Ritual.

Es ist wie bei ihrer Trauung, wie 14 Jahre zuvor. Der selbe Pfarrer vor ihnen, im Rücken Freunde und Familie. Und wieder soll es ein Anfang sein. Ein Anfang nach dem Ende. Wolfgang Vogel (43) dankt seiner Frau. Für die gemeinsame Zeit, die glückliche und schwere, für ihre Liebe. Beide versprechen sich, in Würde miteinander umzugehen, mit Achtung und Respekt. Dann spürt Wolfgang Vogel: »Ja, es ist vorbei.« Eines ihrer vier Kinder weint.

Es ist der Sonnabend vor dem ersten Advent letzten Jahres. Vier Monate ist es damals her, dass Wolfgang Vogel von seiner Frau vor Gericht geschieden wurde. Jetzt betet das Paar unter dem steinernen Gewölbe der Reformierten Kirche Dresdens gemeinsam mit Freunden, Geschwistern und Pfarrer Klaus Vesting: »Unser Gott, wir kommen zu Dir, um unser Scheitern einzugestehen. Unser Gott, erbarme Dich.« Dann wird das Paar gesegnet. Trotzdem. Gerade deshalb. Zusammen.

Wolfgang Vogel und seine Frau gehörten zu den Engagierten in der reformierten Gemeinde. Dem Krankenpfleger ist sein Glaube ernst. Quälend ernst. »Ich habe mich schuldig gefühlt nach unserer Trennung. Hatte ein wahnsinnig schlechtes Gewissen Gott gegenüber, weil ich versprochen hatte, in guten wie in schlechten Zeiten mit meiner Frau zusammenzubleiben.«

Und da war das Gefühl, dass die Paragraphen und Aktenordner vor Gericht nicht das letzte Wort sein konnten in ihrer Beziehung. Dass ihre Ehe mit der selben Achtung und Würde, in der sie geschlossen wurde, auch wieder gelöst werden müsse. Unter der Wut und den Verletzungen an der Oberfläche fand Wolfgang Vogel unendlich viel Trauer. »Unseren Kindern wollten wir zeigen: Mama und Papa sind zwar auseinander gezogen, aber sie vertragen sich – so dass die Kinder nicht Partei ergreifen müssen.«

Mehr als jede dritte Ehe wird heutzutage irgendwann einmal geschieden. Muss die Kirche nicht auch für ihr Ende Rituale anbieten? Die reformierte Kirche bietet seit 1998 in der Schweiz Segensfeiern bei Trennungen an. Auch in Deutschland erproben vereinzelt Pfarrer diesen Weg, und die damalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann stieß 2000 – lange vor ihrer eigenen Scheidung – eine Diskussion darüber an. Doch ein offizielles Scheidungsritual gibt es bis heute in der EKD nicht.

»Es würde auch ein fatales Signal in die Öffentlichkeit senden«, sagt Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig. »Viele Menschen würden dann sagen: Die Kirche nimmt die Ehe nicht mehr ernst und heißt die Scheidung gut.«

Jesus selbst sagte laut dem Markus-Evangelium: »Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.« Der Theologe Alexander Deeg, selbst geschieden, will an dieser Aussage festhalten – als eine Hoffnung und Verheißung Gottes. »Doch Jesus verurteilte die Sünder nicht, sondern differenzierte und ging auf die Einzelnen ein.«

Deshalb plädiert der Professor für individuelle Rituale in der Seelsorge, in denen Klage und Beichte, Dank und Vergebung Raum finden.

»Nun aber bleiben Glauben, Hoffnung, Liebe.« So war der Trauspruch von Wolfgang Vogel und seiner Frau. Im Gottesdienst zu ihrer Trennung hören sie ihn noch einmal. »Damals habt Ihr an Eure Liebe gedacht«, sagt ihnen Pfarrer Klaus Vesting in seiner Predigt.

»Doch auch wenn ein Mensch nicht mehr glaubt, hofft und liebt – er bleibt von Gott geliebt. Diese Liebe werden wir niemals verlieren.« Erleichtert habe er sich danach gefühlt, erinnert sich Wolfgang Vogel. Sehr erleichtert.

Er nimmt die Brille ab und streicht sich über die Augen. Manchmal im Gewühl des Alltags, wenn die Sorge hoch kocht oder die Wut, denkt er daran, wie sich seine Frau und er getrennt haben. Wie sie sich vor Gott Würde und Respekt versprochen haben. Dann spürt er: Es trägt.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]