Langer Weg zum eigenen Geld

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Seit 2008 haben Behinderte in Sachsen das Recht auf ein »Persönliches Budget«. Aber zu wenige machen Gebrauch davon.

Der junge Mann, nennen wir ihn Ralf, ist frustriert. Er wollte, was er an Hilfe braucht, selbst organisieren. Nun aber zieht es sich hin. Nach einem schweren Unfall ist der 24-Jährige querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Unterstützung braucht er im Haushalt, Assistenz während der Arbeit und in der Freizeit. 16 Stunden täglich. Finanzieren wollte er das über ein Persönliches Budget. Seit 2008 haben Behinderte ein Recht darauf, auch in Sachsen.

Ralf hat einen Antrag geschrieben, vor mehr als einem Jahr. Hat vor den Zuständigen seine Lage geschildert, den Antrag noch einmal geändert. Das Geld indes bekommt er nicht. Behinderten dieses »persönliche Geld« in die Hand zu geben und sie ihre benötigten Assistenzen selber einkaufen zu lassen – dieses Prinzip finden in Sachsen alle Beteiligten grundsätzlich gut. Allein: Es bewegt sich kaum etwas.

»In den letzten mehr als zweieinhalb Jahren haben wir rund 400 Menschen beraten«, sagt Christian Schönfeld, Direktor der Diakonie Sachsen. 190 von ihnen hätten das Persönliche Budget beantragt, fast hundert es bekommen. »Das sind mehr als vor einem Jahr. Aber immer noch zu wenige.« Hauptursache für ihn: »Die Kostenträger bremsen.« Die Verwaltung entpuppe sich bei den Verfahren als »lange Bank«.

Freilich erfordere dieses Budget auch von den Behinderten einen ausgeprägten Willen, verlange ihnen mehr Arbeit ab, meint Ivonne Fichte-Schnabel, Koordinatorin des Projekts Persönliches Budget bei der sächsischen Diakonie. Auf jeden Fall müssten sie mehr über Anträge und Verfahren wissen.

Stephan Pöhler, Behindertenbeauftragter der sächsischen Regierung, fordert: »Die Behinderteneinrichtungen müssen neue Angebote machen. Das geschieht noch zu zögerlich.« Die Behinderten wiederum ermuntert er zu mehr Mut.

Deren Interesse am Persönlichen Budget zumindest sei groß, sagt Sören Haak. »Zu mir kommen immer mehr Menschen mit Anfragen«, konstatiert der Berater im Ambulanten Behindertenzentrum der Dresdner Stadtmission, der selbst Rollstuhlfahrer ist. »Aber bei den Ämtern dauern die Genehmigungsverfahren dafür lange.« Gleichwohl rät er den Behinderten, diesen Schritt zu wagen. »Die Entscheidungsträger müssen merken, dass der Bedarf wirklich da ist.« Und auch bei den Betreuern müsse ein Umdenken angestoßen werden. »Gerade aus christlichen Motiven heraus in bester Absicht Helfende laufen Gefahr, Behinderten nichts zuzutrauen«, sagt er. So verfestigten sie bei ihnen die Ansicht: Ich kann das ja gar nicht. »Gerade bei Behinderten, die viele Jahre in einem Heim gelebt haben, müssen wir diese alten Muster aufbrechen. Wir brauchen nicht Helfer, die immer gleich wissen, was für einen Behinderten gut ist. Vielmehr müssen die Helfer fragen: Was brauchst du, was willst du?«

Die Kostenträger wiederum sehen auch eine Mitschuld der behinderten Antragsteller. Rolf Ernst vom Kommunalen Sozialverband erlebt immer wieder, dass die Anträge zu ungenau formuliert werden: »Es ist besser, wenn die Behinderten gleich am Anfang ihre Situation und ihren Hilfebedarf lieber etwas ausführlicher schildern.«
Anita Richter, Beraterin bei der Behindertenbeauftragten der Stadt Dresden und selbst körperbehindert, hat die Erfahrung gemacht: »Bei den internen Verwaltungsabläufen hakt es sehr. Die Ämter sind an festgelegte Prozesse gebunden. Die Sachbearbeiter haben ihre Vorschriften. Unter denen gibt es viele Unsicherheiten.«

Einig sind sich alle Beteiligten nur in einem: Dass es noch längere Zeit braucht, bis sich das Persönliche Budget durchsetzt. Ralf, den Rollstuhlfahrer, dürfte das kaum trösten. Er hätte das Geld, mit dem er Helfer für seinen Alltag bezahlen könnte, lieber heute als morgen.

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]