Schutzhütte Gottes

In Sachsens erster Wanderkapelle in Deutschneudorf treffen Menschen den guten Hirten
Das Altarbild vor Wolfgang Brauns Augen lebt. Das Kreuz hinter dem kleinen Altar ist ein Fensterkreuz, dann geht der Blick ins Freie: Tief grün schwingt sich jenseits des Grenzbaches der böhmische Erzgebirgswald hinauf zum Kamm. Wolken ziehen übers sommerliche Land. Gottes Schöpfung drängt in die kleine hölzerne Kapelle herein wie in kaum ein anderes Gotteshaus.

Wolfgang Braun (50) sitzt vor diesem Altarbild und faltet still die Hände. Fast jeden Tag steigt er den gewundenen Weg von seiner Werkstatt im Deutschneudorfer Ortsteil Oberlochmühle hinauf auf die 620 Meter hoch gelegene Anhöhe, wo sich sieben Wanderwege kreuzen. Er kehrt den hölzernen Fußboden der Kapelle, stellt neue Blumen in die Vase. Er sitzt hier, wenn der Sturm die kleine Kapelle umheult – und spürt, was es heißt, behaust zu sein.

»Das hat etwas Befreiendes«, sagt der Holzkunsthandwerker. »Wenn ich hier oben bin in Zeiten, in denen es geschäftlich nicht gut geht, tut es mir gerade gut.« Druck, Ungewissheit und niedrige Löhne kennen die Schnitzer und Dreher der Gegend nur zu genau. Dann atmet Braun den Geruch des Holzes und liest die Worte des Psalms 23, die in sechs Ahorntafeln an den Wänden der Kapelle eingefräst sind: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Für ihn, sagt er, sei das wie ein Zwiegespräch mit Gott.

Drüben im böhmischen Erzgebirge gibt es viele Kapellen an Wanderwegen. Im evangelischen Sachsen ist Wolfgang Braun keine einzige bekannt. So kam er vor über einem Jahr auf die Idee, selbst eine zu bauen. Aus Liebe zum Glauben, zum Wandern und zum erzgebirgischen Grenzland, in dem sich viele abgehängt und vergessen fühlen. »Ich wollte einen Impuls geben, dass wir nicht aufgeben dürfen.«

Braun, in dessen Werkstatt hölzerne Engel und Räuchermänner aufgereiht stehen, packte an. Er gewann den Schneeberger Holzkunst-Professor Gerd Kaden und dessen damalige Absolventin Jana Pauke, die den Entwurf für die Kapelle aufs Papier brachte. Braun selbst, seine drei Söhne, ein Neffe und Männer aus der Jungen Gemeinde zimmerten die Balken zu einem Fachwerk zusammen. Mit vielen Unterstützern wuchs so im vergangenen Jahr auf der Bergwiese über dem Schweinitztal die kleine Kapelle in typisch erzgebirgischem Stil: Geduckt unter einem Walmdach, mit Schieferschindeln gedeckt, mit rauem Lärchenholz verkleidet und bekrönt von einem kleinen Turm mit Kreuz.

Gekostet hat alles 16 000 Euro. Die Hälfte davon gab der Landkreis an Fördermitteln, die andere Hälfte gaben Kommune und Spender – auch kirchenferne. So wurde der Ort Deutschneudorf Besitzer einer Kapelle.

Eigentlich müsste ja seine Kirche für deren Erhalt sorgen, meint der evangelische Christ Wolfgang Braun. Doch die Verwaltung der Landeskirche schrecke vor der finanziellen Verantwortung zurück.

Dabei ist die »Kapelle am Weg« seit ihrer Eröffnung am 6. November für Wanderer zu einer Schutzhütte im doppelten Sinne geworden – ganz so, wie es sich Wolfgang Braun gewünscht hatte. »Ein Schutz vor Wetter und eine Hütte Gottes bei den Menschen.«

Braun kann viel erzählen: Von einer Frau, die vor einer schweren Operation in der Kapelle die Stille suchte. Von einem Familienvater, der hier seine Sorgen herausschrie. Vom Heiligen Abend im Schneesturm in der Kapelle als Brauns Familie sang »Stille Nacht«. Im Gästebuch finden sich japanische Sätze und finnische. Im Juni schrieb ein Besucher: »Ja, der Herr ist mein Hirte, das wird einem ganz bewusst an diesem herrlichen Flecken. Wir gehen hier wieder gestärkt in unseren Alltag und nehmen neuen Mut und neue Hoffnung mit.«

Es summt und zirpt in der blühenden Bergwiese rings um die Kapelle. Ein Rotschwänzchen hat unter ihrem Dach ein Nest gebaut. An der kleinen Holztür steht: »Offen« – auf Deutsch, Englisch und Tschechisch. Eine Einladung. Selbst sein Nachbar, sagt Wolfgang Braun, passe mittlerweile auf die kleine Hütte Gottes auf und kehre sie mitunter. Dabei ist er gar kein Christ.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]