Die Kirche am Supermarkt

Pfarrer Tilo Kirchhoff. Er möchte am liebsten eine neue Kirche bauen, nahe beim Supermarkt und der Autobahn, wo viele Menschen hinkommen. Foto: Tino Beyer

Pfarrer Tilo Kirchhoff. Er möchte am liebsten eine neue Kirche bauen, nahe beim Supermarkt und der Autobahn, wo viele Menschen hinkommen. Foto: Tino Beyer

Weite Wege, wenige Menschen – Pfarrer Tilo Kirchhoff hat eine Idee fürs Vogtland.

Viele der Ortschaften lagen vor 1989 hinter einem Schlagbaum. Die innerdeutsche Grenze und das Sperrgebiet prägten das Leben in den Dörfern, die zur Gemeinde von Pfarrer Tilo Kirchhoff im Burgsteingebiet gehören. Hier, im Südwesten von Sachsen dicht an der Landesgrenze zu Bayern, war die Gestaltung kirchlichen Lebens zu DDR-Zeiten eine besondere Herausforderung. Mit Mut und Ideen lebten Christen dennoch ihren Glauben. Mehr als 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind erneut diese Eigenschaften gefragt. Wieder geht es um kirchliches Überleben. Diesmal heißt die Herausforderung demografischer Wandel. Tilo Kirchhoff erlebt die Auswirkungen bereits jetzt tagtäglich.

600 Menschen zählen zu seiner Kirchgemeinde – »auf einer Fläche, die größer ist als Monaco«, spitzt er zu. Fünf Gotteshäuser sind zu bewirtschaften. Sie stehen in Geilsdorf, Schwand, Krebes, Kemnitz und Großzöbern. In der Mehrzahl sind die Kirchen schön hergerichtet. »Doch sie stehen an Stellen, wo Wanderer vorbeikommen, aber immer weniger Menschen wohnen«, sagt Kirchhoff. »Kirche muss jedoch dort sein, wo die Menschen sind.« Deshalb fragt der Pfarrer: »Wie kann Gemeindearbeit attraktiv und zukunftsfähig gestaltet werden?« Er ist sich sicher: Mit weiteren Zusammenschlüssen kommt die Kirche hier nicht mehr weiter. Personalschlüssel sind in diesem Gebiet ohnehin Schall und Rauch.

Auf der Kirchenbezirkssynode in Plauen wagte Tilo Kirchhoff deshalb einen Versuch: Eine neue Kirche für das gesamte Gebiet zwischen Plauen, Oelsnitz und der Landesgrenze zu Bayern soll her – und zwar am zentralsten Punkt. Das ist ein Globus-Supermarkt an der Autobahn 72, Abfahrt Pirk.

Eine Kirche am größten Supermarkt weit und breit – für viele klang das zunächst wie ein abwegiger Scherz. »Die meisten Reaktionen waren zurückhaltend«, erzählt Kirchhoff. »Viele schlucken, wenn sie die Idee zum ersten Mal hören.« Unter anderem treibe die Gemeindeglieder die Sorge um, was aus den Kirchen wird. Aber: »Beim zweiten Nachdenken gibt es durchaus Offenheit für die Idee.« Allen sei mittlerweile klar, dass nichts bleiben kann wie es ist, so der Pfarrer.

Der Standort bietet weitere Vorteile. Weischlitz, der größte und einzige Ort weit und breit ohne Kirche, hätte endlich sein eigenes Gotteshaus. Und auch als Autobahnkirche könnte der Neubau dienen. An der A 72 gibt es bislang noch keine. »Bei den Katholiken gab es einmal Pläne für eine Autobahnkirche, die allerdings nicht verwirklicht wurden«, hat Tilo Kirchhoff mittlerweile erfahren. Er weist jedoch darauf hin, dass der Aspekt Autobahnkirche nur ein untergeordneter sein kann. »Es geht um ein Gemeindezentrum.«

Für die Idee holte er zunächst alle Kirchgemeinden der Region zu einem ersten Treffen zusammen. Er­ster Schritt: Eine Initiativgruppe wurde gegründet. Sie soll bis zum Herbst das Für und Wider abwägen. Plauens Superintendent Matthias Bartsch äußert sich zur »Globus-Kirche« diplomatisch. »Das ist nicht die Lösung für heute und morgen, aber durchaus für übermorgen«. Bartsch hält es für besonders wichtig, dass eine Diskussion in Gang kommt, die »ohne Druck auf Umsetzung« stattfinden kann. »Wir wollen niemandem Angst machen.«

Tino Beyer

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]