Wiederbelebt: Debatte um Wohlstand und Wachstum

Das konfliktreiche Verhältnis von Umweltschutz und Wirtschaftswachstum hat zyklisch Konjunktur. Jetzt ist es mal wieder so weit! Mancher wird sich noch an Meilensteine wie an das Erscheinen des ersten Berichts des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums 1972 oder des Brundlandt Berichts 1987 erinnern. Der Rio-Konferenz 1992 folgten viele engagierte Jahre in Agenda-21-Prozessen. Die Erfolge sind überschaubar, der Eifer ist leider verflogen.
Ausgerechnet die globale Finanz- und Wirtschaftskrise motiviert nun wieder Wissenschaftler, Politiker, Journalisten wie auch viele Bürger/innen zum Nachdenken über die Grundsatzfragen unseres Lebens und Wirtschaftens: Bedeutet Wirtschaftswachstum wirklich ein Mehr an Wohlstand und Lebensqualität? Schafft Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze und damit einhergehend den propagierten sozialen Ausgleich?

Schließlich ist es die atomare Katastrophe von Fukushima, die unserer Anti-Atompolitik nach so vielen Jahren des Kämpfens (hoffentlich) zum Durchbruch verhilft. Traurig aber leider wahr: Der Mensch lernt offenbar am ehesten aus Katastrophen und das, wie uns die Vergangenheit lehrt, zumeist nur kurzfristig.
Die Umweltpolitik rückt also wieder in den Fokus des Interesses. Dass BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN aktuell Mitglieder gewinnen und hohe Zustimmungswerte erzielen, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns z.B. im sächsischen Landtag gegen eine Vielzahl von Umweltsünden der schwarz-gelben Regierung zu wehren haben – zumeist jedoch leider erfolglos. Der kommunale Baumschutz wurde quasi abgeschafft. Auf Sachsens Deichen werden 100.000 Bäume gerodet … Wir können noch so gute und sinnvolle Anträge zum Fluglärm oder zur energetischen Gebäudesanierung platzieren: die schwarz-gelbe Koalition erfreut sich einer so satten Mehrheit, dass sie selbstgefällig in Inhalt und Stil ihre konservative Politik durchzieht.

Natürlich geben wir weder auf noch klein bei. Wir schöpfen Mut und sind gespannt auf die Ergebnisse einer neu entfachten Grundsatzdebatte. Wohlstand wurde schon immer zu sehr auf materielle Dinge begrenzt. Weder immaterielle Güter wie Gesundheit noch Schulden oder gar Schäden an der Umwelt wurden den Verursachern in Rechnung gestellt, sondern von der Gemeinschaft bezahlt.
Die Bundesregierung setzte im Januar 2011 die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ ein.1 Sie soll unter anderem einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator entwickeln.

Ein Grund dafür: Die Lebenszufriedenheit der Deutschen hat sich schon vor 50 Jahren vom materiellen Wohlstand entkoppelt. Das Streben nach Mehr jenseits eines bestimmten materiellen Niveaus macht nicht glücklicher oder zufriedener.
Ob der „Green New Deal“ eine wirklich gute Antwort der Grünen Partei auf die Krise ist, halte ich einer Diskussion für würdig: Immer häufiger lese ich, dass dieser Ansatz als grünes Rettungsprogramms des Wachstums in der Kritik steht.2
Es ist die Begrenztheit des auf wirtschaftlichen Wohlstand verengten Blickwinkels, den Forscher wie Hans Diefenbacher von der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg (FEST) und die Forschungsstelle  Umweltpolitik der FU Berlin aufbrechen wollen. Sie suchen gemeinsam 21 Indikatoren für einen Nationalen Wohlfahrtsindex.
Auch Meinhard Miegels „Denkwerk Zukunft“ stellte 2010 das Modell eines Wohlstandsquartetts aus Wachstum, Einkommensverteilung, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Ressourcenverbrauch vor.
Im Zusammenhang mit dem richtigen Messen und Bewerten stand für mich immer die Frage: Wie reduzieren wir unseren ökologischen Fußabdruck? Welche Wirtschaftsweise ist der Begrenztheit unserer Erde angemessen, für nachfolgende Generationen tragfähig und in globaler Sicht gerecht? Wie kommen wir zu einer Politik der wirklichen Nachhaltigkeit?
Ein zentrales Element möchte ich hier he-rausstellen: Umweltschutz muss endlich in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftauchen. Leistungen für den Umweltschutz müssen als solche anerkannt werden, und nicht als Kostgänger der Wirtschaft und damit Kostentreiber. Umweltschutz ist kein „externer Kostenfaktor“ sondern ein das Überleben sichernder Prozess.3
Ja, auch in der Europäischen Union kommt Bewegung in die Messung des Wohlstands. Die Frage, welche Kriterien (ergänzend zum BIP) den Wohlstand einer Region besser abbilden, haben insbesondere Briten und Franzosen aufgebracht.
Die EU-Kommission hat 2006 erstmals die Mitgliedsstaaten aufgefordert, ihre Volkswirtschaftlichen Gesamtrechungen auf Aspekte der nachhaltigen Entwicklung auszudehnen. Sie setzt das Ziel, bis 2013 die umweltökonomische Gesamtrechnung in allen Mitgliedsstaaten zu etablieren.4
Man darf gespannt sein. Ist es mehr als eine akademische Übung? Schließlich steht die neue Förderperiode vor der Tür (2014–2020), in deren Vorfeld Regionen wie auch Sachsen bemerken, dass sie mit ihren BIP-Werten über der Förderfähigkeit liegen – trotz zahlreicher Entwicklungsdefizite, wozu die Dichte des Straßennetzes, nebenbei bemerkt, nicht gehören dürfte.
Abschließend ein Zitat des Ökonomen Kenneth Boulding: „Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt für immer weiter gehen kann, ist entweder verrückt oder ein Wirtschaftswissenschaftler.“
Der Berufsstand der Ökonomen soll hiermit nicht diskriminiert, sondern vielmehr – wie alle anderen sich um die Zukunft sorgenden und weitsichtigen Menschen – aufgerufen sein, den notwendigen gesellschaftlichen Wandel fachlich kompetent zu begleiten. Ergänzt allerdings um den bislang fehlenden „ganzheitlichen“ Blick. Das sind wir nicht nur uns, sondern vor allem zukünftigen Generationen schuldig.

Gisela Kallenbach, umweltpolitische Sprecherin der GRÜNEN-Landtagsfraktion


1 www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/gremien/enquete/wachstum/index.jsp
Leider ist auf dieser Website nach dem Protokoll der koordinierenden Sitzung nicht viel Neues zu erfahren.
2 Ökumenische Initiative Eine Welt – Rundbrief Nr. 129, S. 5
3 So Gerhard Maier-Rigaud in Politische Ökologie 66, S. 32
4 eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2009:0433:FIN:DE:PDF

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