Die Angst des Attentäters

Der mutmaßliche Attentäter Anders Behring Breivik

Der mutmaßliche Attentäter Anders Behring Breivik

In den ersten Stunden nach den Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya am vorigen Freitag waren die Rollen noch klar verteilt: Islamisten mussten die Täter gewesen sein, verkündeten selbsternannte Experten – und viele glaubten es gern. Um so irritierender dann die Nachricht: Der Mörder von 76 Menschen bezeichnet sich selbst als »konservativ«, ja sogar »christlich«.

Eine christliche Tat?

Nichts weniger als das – sie ist es genauso wenig, wie die Untaten von al-Qaida muslimisch sind. Doch die qualvollen Bilder aus Norwegen zeigen auch die Möglichkeit einer brutalen Fehlinterpretation von Religion – so wie der 11. September 2001.

Der Attentäter von Oslo und Utøya meint ganz so wie die Islamisten, die eigene Welt vor der Moderne und dem Fremden beschützen zu müssen. Beide greifen dafür zu apokalyptischen Motiven und Taten.

Dies nur als Wahn abzutun, hieße unbequeme Fragen an uns selbst zu unterdrücken. Denn auch hierzulande gibt es die Angst vor einer immer unübersichtlicher werdenden Welt, in der sich die Kulturen mischen.

Das christliche Abendland werde von Muslimen, Einwanderern und Kommunisten bedroht – solche Meinungen sind weit verbreitet in manchen Milieus, auch in christlichen. Es ist eine Angst, die den Keim der Gewalt in sich tragen kann.

Der Täter von Oslo hat diese Furcht mit Kälte und Irrsinn zu einem monströsen Massenmord zugespitzt.

»In der Welt habt ihr Angst«, sagte Jesus, »aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!« Christen und ihre Kirche sollten die Überwindung der Angst predigen – und zu leben versuchen.

Hunderttausende Norweger haben das in bewundernswerter Weise begriffen.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]