Maria Michalk: Der Mauerbau – Ein Erlebnisbericht

“Mein Vater hatte Recht, es kam Krieg, der kalte Krieg.”
Von Maria Michalk, MdB

Die Lausitzer Bundestagsabgeordnete Maria Michalk berichtet wie sie die Teilung erlebt hat. Stacheldraht, Beton, Wachtürme, Selbstschussanlagen – am kommenden Samstag, den 13. August, jährt sich zum fünfzigsten Mal die brutale Trennung Berlins in zwei Teile, und damit die Manifestation der Teilung Deutschlands.

MdB Maria Michalk aus der Lausitz

MdB Maria Michalk aus der Lausitz

Bautzen. “Ich habe den 13. August 1961 noch genau vor Augen. Als 11jährige freute ich mich auf einen sonnigen Ferientag auf unserem Bauernhof. Hier hatte ich mit meinen Geschwistern ein wunderbares zu Hause, das allerdings in den Monaten vor dem 13. August getrübt war.

Grund waren die Besuche von fremden Männern auf unserem Hof, die im Rahmen der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft immer wieder mit meinen Eltern diskutierten.

Und wenn sie weg waren, machte sich mein damals todkranker Vater Luft und schimpfte auf die „verfluchten Kommunisten“, die ihm wegnehmen wollen, was Generationen aufgebaut haben.

An jenem Morgen des 13. August stürmte ich fröhlich in unser Wohnzimmer. Den Blick meines Vaters verstand ich sofort. Er bedeutete „Ruhe!“. Sein Ohr klemmte am alten Röhrenradio. Aus dem Kratzen versuchte er die Nachrichten des Senders Rias zu verstehen. Dann sagte er resigniert: „Es wird wieder Krieg geben“.

In den Tagen danach wurde am Tisch viel spekuliert und diskutiert. Die Tageszeitung druckte Bilder mit stolzen Mauermaurern, die laut Text darunter „eine existenzielle Aufgabe zum Schutz des Sozialismus erfüllten“.

Beim ersten Fahnenappell nach den Ferien sprach der Schuldirektor von der „erfolgreichen Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls“ und mahnte die Pioniere, ab sofort täglich als „Symbol für die erfolgreiche Politik des Sozialismus“ mit dem Pionierhalstuch in die Schule zu kommen. Gott sei Dank war ich kein Pionier, mein Vater wusste das zu verhindern.

Weder im Fach Geschichte, noch später im Fach Staatsbürgerkunde erfuhren wir, dass, obwohl noch am 15. Juni 1961 auf einer internationalen Pressekonferenz behauptet wurde, dass niemand die Absicht habe, in Berlin eine Mauer zu errichten, Walter Ulbricht als SED-Parteiführer, Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR in der Nacht vom 12. zum 13. August den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze in Berlin gab.

Wenige Tage zuvor hatte er sich die Zustimmung in Moskau eingeholt. Die sowjetischen Truppen in der DDR gaben ihm Rückendeckung.

Wir erfuhren auch nichts von dem ersten Todesopfer an der Mauer, der 58jährigen Ida Siekmann. Heute wissen wir, dass mindestens 136 Menschen zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder im unmittelbaren Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben kamen.

Mein Vater hatte recht, es kam Krieg, der kalte Krieg. Ausgrenzen, bespitzeln, einsperren, abriegeln, bevormunden, isolieren, lügen und vertuschen hat 27 Jahre lang in den schlimmsten Formen angehalten, bis am 9. November 1989 die Mauer endlich überwunden war.

Es ist unerlässlich, die tatsächlichen Geschehnisse an der Mauer heute den jungen Menschen vollständig und wahrheitsgemäß nahe zu bringen, damit nicht solche Leute wie der ehemalige Verteidigungsminister Keßler wider besseres Wissen wagen öffentlich zu behaupten „Es hat nie einen Schießbefehl gegeben“.

Dafür sollten die Schulen noch intensiver die hervorragenden Materialien der Stiftung Aufarbeitung nutzen.

Anlässlich der 50jährigen Wiederkehr des Baus der Berliner Mauer ist auf der Homepage der Stiftung die Ausstellung „Die Mauer. Eine Grenze durch Deutschland“ zur Auseinandersetzung besonders geeignet.”

Quelle: MdB Maria Michalk

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