Der Sieg, der eine Niederlage war

50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer

Für die DDR war er der «antifaschistische Schutzwall», für den Westen das «Einmauern» eben dieses Landes. Die Spaltung Deutschlands und der Welt in zwei feindliche Blöcke war nun durch eine Betonmauer manifestiert. Ihre Errichtung sollte das Ausbluten des Ostens verhindern und damit die latent existierende Gefahr einer Veränderung der Grenzen der europäischen Nachkriegsordnung verhindern.

Die politisch-moralische Wertung der damaligen Ereignisse und ihrer Folgen, der Abschottung eines Staates, der das bessere Deutschland verkörpern sollte, ist eindeutig. Die Massenfluchten aus der DDR bis 1961, die versuchten Grenzdurchbrüche und vor allem die Toten an Mauer, Staatsgrenze West und auf der Ostsee waren für viele der tagtägliche Beweis, dass der Versuch einer neuen Gesellschaft scheiterte, dass die Bürger der DDR sich unfrei fühlten und oft um jeden Preis raus wollten. Die oft rein materiellen Beweggründe für den Wechsel in den anderen Teil Deutschlands, der sie als eigene Staatsbürger mit offenen Armen und als begehrte, weil qualifizierte Arbeitskräfte aufnahm, werden dabei leicht übersehen.

Angesichts der gezielten Delegitimierung der DDR und des realen Sozialismus tritt die Untersuchung der historischen Rahmenbedingungen für diese letztlich folgenschwere Entscheidung der politischen Führungen in der Sowjetunion und der DDR zurück. Ihnen muss aber nachgegangen werden: Dem Umstand, dass die Krise um die beiden deutschen Staaten und Westberlin jederzeit einen Nuklearkrieg provozieren konnte; den Beweggründen in beiden Blöcken, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden; der wirtschaftlichen Schwäche und der ökonomischen Angreifbarkeit der DDR; den Schwierigkeiten, einen Sozialismus aufzubauen, vor dem niemand weglaufen mochte. Zugleich erhebt sich die Frage, ob die DDR die Chance nutzte, sich auf eigener Grundlage zu entwickeln und den Sozialismus attraktiver und effektiver zu gestalten.

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Ein historisches Ereignis

Klaus Schlesinger, einer der unangepassten DDR-Schriftsteller, erinnerte sich noch Jahrzehnte später: «Die Wochen, die Monate nach dem 13. August sind mir als eine Zeit äußerster Anspannung in Erinnerung. Wir lebten wie im Fieber. Kein Gespräch, weder auf der Arbeit, in der Kneipe, noch zu Hause, das nicht von der Mauer beherrscht war. Sätze wie: Das geht nicht auf Dauer. Denkt doch nur an die Familien! – In der ersten Zeit liefen wir jeden Tag an die Grenze und winkten über die provisorische Absperrung und die Köpfe der Bewacher hinweg unseren Verwandten zu. Eine Demonstration. Jeden Tag wieder. Dann sperrte die Volkspolizei die letzten einhundert Meter vor der Sektorengrenze mit einem Seil ab, und hindurch kam nur noch, wer in Grenznähe wohnte. Das Gefühl in dieser Zeit: Zorn – im Wechsel mit Melancholie. Das Herz schrie, der Kopf ahnte Zusammenhänge. Der Ton dieser Zeit: Trotz. Auch Sarkasmus. Einmal, in einer Gewerkschaftsversammlung, als ein Funktionär auf die bedrohliche Lage auch im Innern hinwies, sagte ich betont lässig, er solle sich nicht aufregen, die Leute gewöhnten sich an alles, und nach einem halben Jahr würde niemand mehr davon sprechen. – Ich sah in erstaunte Gesichter; einige lachten unsicher. Natürlich glaubte ich nicht daran, hielt Sarkasmus aber für eine subversive Tat.»

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