Die Angst im Nacken

Beklemmende Erinnerung: Die ehemalige innerdeutsche Grenze ist in Mödlareuth im Vogtland noch heute zu sehen. (Originalfoto: Ellen Liebner)

Beklemmende Erinnerung: Die ehemalige innerdeutsche Grenze ist in Mödlareuth im Vogtland noch heute zu sehen. (Originalfoto: Ellen Liebner)

Vor 50 Jahren wurde mit dem Mauerbau in Berlin die deutsche Teilung besiegelt. Noch heute erinnern sich die Menschen im Vogtland an das Leben im Grenzgebiet.

Als im August 1961 die Mauer in Berlin errichtet wurde, hatte die DDR bereits neun Jahre lang an der befestigten Staatsgrenze, die als »antifaschistischer Schutzwall« bezeichnet wurde, gearbeitet.

An der sächsisch-bayerischen Grenze waren die Grenzanlagen Schritt für Schritt angelegt worden: vor dem Zaun der »Wundstreifen«, umgepflügtes Land, das jede Fußspur zeigte, die Wächterhäuschen, die Hunde, die hungrig an ihren Ketten zerrten. Dann folgte ein etwa fünf Kilometer breiter Streifen, das sogenannte Sperrgebiet.

Für die Menschen dort hatte sich das Leben langsam verändert. Denn viel einschneidender als der Bau der Mauer waren die Zwangsaussiedlungen. Die ersten fanden 1952 unter dem Decknamen »Ungeziefer« statt. Kurz bevor die Grenze ganz geschlossen wurde, im Frühling 1961, gab es eine weitere solche Aktion.

Menschen, die widersprachen, mussten innerhalb von 24 Stunden ihr Haus verlassen. Man stellte ihnen eine Auto auf den Hof, sie mussten in kürzester Zeit packen und verschwinden. Es gab Entschädigung in Maßen, aber sie verloren ihre Heimat. Dafür wurden linientreue Familien angesiedelt.

Etwa zwei Drittel der Bevölkerung der Sperrzone gehörte nicht mehr der Kirche an. So schätzt Pfarrer Gerhard Kummer es ein. »Den Leuten saß die Angst im Genick«, sagt er. Die Zurückgebliebenen führten ein eher angepasstes Leben. Man wusste, dass man gut überwacht war.

In den Dörfern wohnten genügend Leute, die mit aufpassten. Die musste man mehr fürchten, als die »bewaffneten Organe«.

Gerhard Kummer kam mit seiner Frau Ursula 1968 in das kleine Dorf Krebes. Von den 200 Einwohnern kamen sonntags höchstens 20 zur Kirche. »Bis dahin wussten wir nicht, was Sperrgebiet bedeutet. Wir hatten nie davon gehört«, sagt Ursula Kummer.

Im Sperrgebiet zu wohnen, das hieß, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Man durften das Sperrgebiet jederzeit verlassen. Aber Besucher mussten vier bis sechs Wochen vorher einen Passierschein beantragen. Die Einreise wurde nur Verwandten ersten Grades gewährt – wenn sie nicht in der Bundesrepublik lebten. Über die Anträge wurde willkürlich entschieden.

Pfarrer Kummer war für alle Aufgaben in der Gemeinde selbst zuständig. Zwei oder drei Gottesdienste an einem Sonntag waren normal. Alle Verwaltungsaufgaben waren in seiner Hand.

Dass der Bewegungsraum schnell eingeschränkt werden konnte, wusste er von seinem Vorgänger. Dieser war einmal nicht zur Wahl gegangen. Daraufhin durfte er ein halbes Jahr lang nicht in die Nachbargemeinde Kemnitz.

Die Pfarrhäuser waren telefonisch zu erreichen. Im Pfarrhaus in Krebes hörte man zunächst viele knackende Geräusche, wenn man den Hörer abhob. Als bei Malerarbeiten die Tapete an der Telefonanlage nass wurde, kam unaufgefordert ein Mechaniker. Das Telefon müsse repariert werden, sagte er. Wahrscheinlich klappte das Abhören nicht mehr.

Die Menschen im Sperrgebiet waren vorsichtig. Dennoch hielten die wenigen Gemeindeglieder zu ihrem Pfarrer. Sie waren froh, die Kirche im Dorf zu haben.

Kirchvorsteher Reiner Thiele war kaum fünf Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Er lebt in Heinersgrün. Auch er weiß von der Angst, mit der die Menschen lebten.

Er weiß von Leuten, die ausgesiedelt wurden oder die ins Gefängnis kamen, weil sie sich gegen die DDR äußerten oder ihre Kinder nicht zur Jugendweihe schickten. »Es war eine Art von Opposition, zur Kirche zu gehen«, erinnert er sich.

Gleichzeitig war es nötig, in der Gemeinde zusammenzustehen. In Eigeninitiative hatten die Heinersgrüner Material und Gerüst besorgt, um ihre Kirche vor dem Verfall zu bewahren. »Heute haben die Leute so viele andere Möglichkeiten und kommen viel weniger zur Kirche«, sagt er. Das macht Reiner Thiele fast ein wenig traurig.

Margitta Rosenbaum

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]