Beflügelt zum Glauben

engelAn Engel glauben mehr Deutsche als an Gott. Diese Suche nach Schutz und Trost sollte die Kirche ernst nehmen – denn sie könnte zu Gott führen.

An Engel dachte Michael Hecker nie. Er hatte keinen Anlass, an sie zu denken unter den Schlägen des Vaters, nicht auf seiner Suche nach einen bejahenden Blick, nicht auf seinem steinigen Weg ins Leben als Pfarrer. Als er vor zwölf Jahren ein Buch von Anselm Grün über Engel in den Händen hielt, erschrak Michael Hecker.

»Bis dahin hatte ich es nur gespürt, aber nicht so formulieren können: Da ist jemand, der mich durch dieses Schicksal durchgetragen und mir Mut gemacht hat«, sagt der Pfarrer. »Durch meinen Vornamen hat Gott mir den Erzengel Michael an die Seite gestellt, der für mich gekämpft hat und nie von meiner Seite gewichen ist. Dass aus meinem Leben noch etwas geworden ist – das ist für mich ein Geschenk Gottes.«

Ist der Engel ein Held mit dem Schwert oder ein Flügelwesen? Damit kann der Schulpfarrer aus dem erzgebirgischen Niedersaida nichts anfangen. Er macht sich kein Bild von ihm, redet auch nicht mit dem Engel oder betet gar zu ihm. Hecker denkt an den Brief an die Hebräer in der Bibel: »Dienstbare Geister« seien die Engel für die Gläubigen, steht dort. Geschickt von Gott.

In der Öffentlichkeit scheint es jedoch, als würden sich die Engel von Gott lossagen. Mit Engeln wird Werbung gemacht – in Dresden gar für offene Läden an Sonntagen. Engel tanzen im Fernsehen und hängen pausbäckig an Küchenregalen.

Zwei Drittel der Deutschen glauben nach einer Forsa-Umfrage an Engel – an Gott glauben weniger. In Sachsen gibt es für ein Drittel der Christen Schutzengel, fanden Meinungsforscher heraus – und für immerhin 14 Prozent der Nicht-Christen.

Wie schillernd die Engelbilder sind und wie weit sie sich vom christlichen Glauben entfernen, lässt sich in Diskussionen auf einschlägigen Internetseiten lesen. »Ich mache mir lieber meinen eigenen Glauben«, schreibt eine Frau im Esoterik-Forum. »Wieso soll man den Umweg über Gott nehmen, wenn man auch die Engel direkt ansprechen kann?«

Ein einträgliches Geschäft mit Engelkongressen, Engelbüchern und -therapeuten ist daraus geworden. Gottes Boten als Dienstleister fürs Übersinnliche.

»Wir als Kirche müssen aufpassen, dass uns die Engel nicht abhandenkommen und in die Esoterik auswandern«, sagt der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der sächsischen Landeskirche, Harald Lamprecht. »Wir dürfen das Bedürfnis vieler Menschen nicht verdammen, sich beschützt zu wissen.«

Dass Gott behütende Engel schickt– diese Hoffnung hat ihre Wurzeln im Psalm 91 und im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums. Harmlos aber sind die Boten Gottes nicht. Sie können Angst machen, die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem haben es erfahren. Sie können sagen »Fürchtet euch nicht« und eine umstürzend rettende Botschaft bringen. So wie die von der Auferstehung Jesu.

Und mitunter ist es wie in der Geschichte vom Besuch der drei Männer bei Abraham im 18. Kapitel des ersten Mose-Buches kaum auseinanderzuhalten, ob es Engel sind, die da sprechen – oder ob es Gott selbst ist.

Der Höchste ist den Menschen ganz nah, manchmal verstörend nah, manchmal unerkannt. Darum erzählt die Bibel von Engeln.

Der Aufklärung aber und der Theologie der letzten zweihundert Jahre schien dieser Gedanke zu märchenhaft. Der Mehrheit der Deutschen scheint heute etwas anderes märchenhaft zu sein: Dass es Jesus Christus ist, in dem Gott den Menschen für immer nahe ist. Sie wünschen sich die Engel zurück.

Auch wenn manche seiner Kollegen skeptisch sind – die Schüler des erzgebirgische Pfarrers Michael Hecker können mit Engeln etwas anfangen. »Gerade die religionslosen Schüler können sich mit Engeltexten mehr vorstellen, als wenn abstrakt vom dreifaltigen Gott die Rede ist«, sagt der Schulpfarrer. »Engel sind ein Sprungbrett zu Gott.«

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]