Zweifacher Seitenwechsel

Konvertiert: Wenn evangelische Pfarrer katholische Priester werden wollen.

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Zwei sächsische Pfarrer sind zur katholischen Kirche konvertiert – und hinterlassen Lücken und Bestürzung in ihren Gemeinden.

Fassungslosigkeit herrscht zwischen Bautzen und Zwickau: Zwei Pfarrer sind zur katholischen Kirche übergetreten (DER SONNTAG berichtete). Zumindest einer von ihnen spricht über seine Beweggründe: »Das ist ein langer Prozess, das fällt einem nicht plötzlich am Sonntag früh ein«, sagt Pfarrer Jens Bulisch.

Dieser Prozess endete für den promovierten evangelischen Theologen mit der Konvertierung zur katholischen Kirche am 25. Juli. Statt im Pfarrhaus von Schmölln bei Bischofswerda lebt er mit seiner Frau und den zwei Kindern nun im Pfarrhof der sorbischen katholischen Gemeinde im etwa 20 Kilometer entfernten Crostwitz.

Es habe keinen bestimmten Grund dafür gegeben, sein evangelisch-lutherisches Pfarramt aufzugeben, sagt er. »Es ist ein ganzes Bündel von Erfahrungen«, sagt der 39-Jährige. Theologische Erwägungen wie das geistliche Amtsverständnis gehörten ebenso dazu wie persönliche Erfahrungen als evangelischer Pfarrer und Erfahrungen mit der katholischen Kirche.

»Das ist über Jahre gewachsen, bis die Entscheidung gereift ist«, so Bulisch.

Die drei Kirchgemeinden Schmölln, Putzkau und Demitz-Thumitz und ihre knapp 1400 Gemeindeglieder haben von diesem Prozess offenbar nichts mitbekommen. Und auch den Superintendenten des Kirchenbezirks Bautzen-Kamenz, Werner Waltsgott, hat der Weggang überrascht.

»Es gab im Vorfeld keine Gespräche mit ihm«, so Waltsgott. »Wir müssen es einfach akzeptieren.« Doch für die Gemeinden sei es schwer zu verstehen, dass ihr Pfarrer sie verlassen hat, sagt der Superintendent.

Jens Bulisch war seit 2002 Pfarrer in der Region. Er hat sorbische Wurzeln und hat beim Studium in Leipzig auch Sorbisch gelernt. Sein Wunsch, in einer sorbischen evangelischen Gemeinde Dienst zu tun, hatte sich nach dem Studium nicht erfüllt. Auf seine jetzige Entscheidung habe das keinen Einfluss gehabt, sagte er dem SONNTAG.

Mit seinem Weggang ist nun eine Pfarrstelle im Kirchenbezirk wieder vakant. Denn andere bisher freie Pfarrstellen werden in den nächsten Wochen neu besetzt: in Wehrsdorf, Wallroda, Neukirch und Kamenz sind ab 1. August beziehungsweise 1. September neue Pfarrer und Pfarrerinnen im Amt.

»Aber das ist für uns auch kein Trost in dieser Situation«, sagt Superintendent Waltsgott.

Auch im Kirchenbezirk Zwickau herrschte große Überraschung, als um den 20. Juli herum ein Brief von Pfarrer Jochen Schubert (48) aus Seelingstädt einging mit der Mitteilung, dass er seinen Dienst beende.

»Wir versuchen jetzt, vor Ort Schadensbegrenzung zu leisten und den Gemeinden das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind«, sagt Pfarrer Jochen Zimmermann. Er vertritt Superintendent Eberhard Dittrich, der zu dieser Zeit im Urlaub ist.

Manchen in Schuberts Gemeinde wundert der Übertritt des Pfarrers nicht. »Es ging schon immer sehr katholisch zu in seinen Gottesdiensten«, heißt es da. Er habe nicht nur einen weißen Talar getragen, sondern auch immer gern Ministranten beim Gottesdienst dabei gehabt, Jungen wie Mädchen.

Für Pfarrer Zimmermann ist außerdem das unkollegiale Vorgehen des Kollegen aus der Region Werdau enttäuschend. »Er hatte im Juli Urlaub und Kollegen haben ihn vertreten«, so der Stellvertreter des Superintendenten. Im August stand Schubert seinerseits im Vertretungsplan des Kirchenbezirks, um anderen Pfarrern den Urlaub zu ermöglichen. Dafür fällt er nun aus. »Das müssen wir jetzt alles versuchen zu regeln.«

Enttäuschend sei es außerdem gewesen, dass es keinen Kontakt mehr zu Jochen Schubert gebe. »Wir haben uns um ein Gespräch bemüht, hätten uns gewünscht, dass es einen Abschied gibt.« Doch die Pfarrersfamilie sei am 26. Juli aus dem Pfarrhaus ausgezogen ohne Angabe, wohin sie zieht.

Auch für den Sonntag war er nicht erreichbar. Dass Pfarrer Jochen Schubert jetzt in der katholischen Pfarrei Dresden-Neustadt sei, weiß das Bistum Dresden-Meißen. Von dort ist auch zu erfahren, dass es am 25. Juli einen Gottesdienst in der Kapelle des Dresdner Krankenhauses St. Josephstift gab, bei dem die beiden Pfarrer konvertiert sind. Sie hätten dabei mit der Gemeinde das Nicäische Glaubensbekenntnis gesprochen und an der Eucharistiefeier teilgenommen.

»Damit sind sie in die katholische Kirche aufgenommen«, sagt der Pressesprecher des Bistums, Michael Baudisch. Im Vorfeld habe es unabhängig voneinander mit beiden Gespräche gegeben. Dann sei von der Leitung des Bischöflichen Ordinariats der gemeinsame Gottesdienst vereinbart worden.

Beide hätten den Wunsch geäußert, Priester zu werden. »Das ist ein Weg, der drei bis fünf Jahre dauert«, so Baudisch. Am Ende könne die Priesterweihe stehen. Dass beide vom Zölibat befreit werden, könne nur der Papst verfügen. Eine Gemeinde jedoch würden verheiratete Priester nicht bekommen. Ihnen stünden andere Seelsorgedien­ste offen.

Jens Bulisch ist in Crostwitz nun »pastoraler Mitarbeiter«. Welche Aufgaben ihm übertragen werden, weiß er noch nicht. Es könnte Ministrantendienst, Seniorenarbeit, Jugendarbeit oder die Leitung von Familienkreisen sein, sagt Pressesprecher Baudisch.

Jens Bulisch selbst sieht sich als Theologe zwar gut ausgebildet. Trotzdem werde er an der Universität Erfurt in katholischer Theologie »nachgerüstet«: in Kirchenrecht, katholischer Ethik und anderem.

Dass Pfarrer so sang- und klanglos ihren Dienst quittieren können, mag für andere Berufstätige unverständlich erscheinen. Doch die Frage nach einer Kündigungsfrist stelle sich nicht, sagt Oberlandeskirchenrat Klaus Schurig.

Durch einen solchen Schritt verliere ein verbeamteter Pfarrer Kraft des Gesetzes sein Amt, so der Kirchenjurist im Landeskirchenamt in Dresden. Denn die Mitgliedschaft in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche sei Voraussetzung dafür. »Das Landeskirchenamt stellt im Nachhinein nur den Austritt fest.«

Christine Reuther
 
 

Sachsens Landesbischof Bohl:

Jochen Bohl

Jochen Bohl

»Selbstprüfung ist angezeigt«


Herr Landesbischof Bohl, was empfinden Sie angesichts der Übertritte von zwei Pfarrern zur katholischen Kirche?

Bohl: Ich habe die Nachrichten nach meinem Urlaub vorgefunden, und so überraschend sie kamen, ist für mich doch offenkundig, dass in beiden Fällen ein längerer Prozess zu seinem Abschluss gekommen ist. Ihre theologische Entwicklung hat die beiden Pfarrer, wohl insbesondere was das Kirchen- und Amtsverständnis angeht, über Jahre hin näher an die römisch-katholische Kirche herangeführt. Das kann ich weder nachvollziehen noch gutheißen.

Was bedeutet das für die Landeskirche, wenn zwei Pfarrer sich zwar vertrauensvoll an die katholische Kirche wenden, mit ihrem eigenen Bischof oder Superintendenten aber nicht über ihre Probleme sprechen?
Bohl: Befremdlich ist, dass weder die Kirchgemeinden noch kirchenleitende Personen zuvor informiert wurden, ganz zu schweigen von der Verweigerung des Gesprächs über die beabsichtigten Schritte. Aber generell gilt, dass eine solche Sprachlosigkeit das Scheitern der Kommunikation und den Verlust des Vertrauens anzeigt, und daran sind immer mehrere beteiligt. Insofern ist eine Selbstprüfung angezeigt.

Berührt es das Miteinander in der Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche in Sachsen?
Bohl: Darüber wird mit dem Bistum zu reden sein. Im übrigen gehe ich davon aus, dass die beiden Pfarrer bis auf weiteres nicht in ihrem bisherigen Wirkungsbereich pastoral eingesetzt werden, wie es zwischen beiden Kirchen schon vor längerer Zeit für solche Fälle vereinbart worden ist.

Die Fragen stellte Christine Reuther.
 

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]