Unbekannt verzogen

Die Diakonie Sachsen hat im vergangenen Jahr 2798 Menschen wegen Wohnungslosigkeit unterstützt, davon hatten 979 ihre Wohnung schon verloren. Die Zahlen steigen seit Jahren.
 

so-26Zwei Einkaufstüten, voll gestopft mit dem Nötigsten. Das war alles, was ihm nach der Zwangsräumung seiner Wohnung blieb. So kam Horst Kammer im Mai in die städtische Übernachtungsstelle von Zwickau: er ins Männerwohnheim, seine Lebensgefährtin ins Haus für die Frauen.

Noch heute sind beide dort ständige Schlafgäste. Doch mit der Wohnungslosenhilfe der Stadtmission Zwickau suchen sie einen Ausweg. »Wir wollen so schnell wie möglich dort wieder raus und in eine richtige Wohnung ziehen«, sagt der 73-Jährige.

Wohnungslos wie Horst Kammer sind in Zwickau schätzungsweise 150 Menschen. Für ganz Deutschland nimmt die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe an, dass etwa 250.000 Menschen keine eigene Wohnung mehr haben. Dazu kommen noch etwa 120.000 Menschen, die vom Verlust ihrer Wohnung bedroht sind, durch Mietschulden etwa oder durch Räumungsklagen.

Das alarmierende an diesen Zahlen ist der Anstieg in den letzten drei Jahren. Seit 2008 beobachtet Rolf Jordan eine Zunahme der Zwangsräumungen und des Anteils an jungen wohnungslosen Menschen. Der Fachreferent für Statistik bei der BAG bestätigt damit die Einschätzung von Rotraud Kießling von der Diakonie Sachsen.

»Die Problematik der Wohnungslosigkeit verschärft sich dramatisch«, wertet die Referentin für Wohnungslosenhilfe der sächsischen Diakonie die Statistik der vergangenen Jahre aus. Laut ihren Zahlen war in Dresden schon jeder dritte Hilfesuchende unter 25 Jahre und Mietschulden waren der Hauptauslöser für die Wohnungslosigkeit.

»Der Verlust der Wohnung ist meist nur die Spitze des Eisberges«, weiß Petro Richter, Leiter der Wohnungslosenhilfe der Stadtmission Zwickau. Seit 16 Jahren erlebt er immer wieder Alkohol- und Drogensucht, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Nöte als »Begleiterscheinungen«.

Auch bei Horst Kammer stehen gleich mehrere Hindernisse auf dem Weg zur eigenen Wohnung. Zum einen ist da seine Rente von gerade einmal 530 Euro. »Ich habe keine Ersparnisse«, so der 73-Jährige. »Wie soll ich da die Kaution in Höhe von drei Monatsmieten aufbringen?«Hinzu kommt, dass er mit dem Kainsmal des Mietschuldners gezeichnet ist: »Wir haben aber immer unsere Miete gezahlt«, weist Horst Kammer jede Schuld von sich. »Das, was an Mietschulden aufgelaufen ist, geht auf unseren Vormieter zurück und ist uns vom neuen Eigentümer des Hauses angelastet worden«, berichtet er.

Nach der Zwangsräumung nun auf dem »normalen« Wohnungsmarkt ein neues Zuhause zu finden, sei fast ein aussichtsloses Unterfangen, erklärt Petro Richter. »Es gibt hier in Zwickau im Grunde einen Wohnungslosenstau, der immer größer wird. Die Stadt hat keinen entsprechenden Wohnraum mehr, über den sie verfügen kann und wo sie Wohnungslose – zumeist Mietschuldner oder Menschen in prekären Wohnverhältnissen – unterbringen kann«, macht der Sozialarbeiter deutlich.

Richter schätzt die Zahl der in Zwickau offiziell als wohnungslos Gemeldeten auf mindestens 150. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. »Seit der Novellierung des Melderechts werden Wohnungslose nicht mehr erfasst. Wer sich wohnungslos meldet, fällt aus dem Melderegister als unbekannt verzogen heraus«, erklärt Petro Richter.

Horst Kammer jedenfalls möchte das nicht. Er will mit Unterstützung der Wohnungslosenhilfe wieder eine eigene Wohnung und Adresse. »Das kann mitunter über Jahre dauern«, sagt Sozialarbeiter Richter. »Aber wir geben nie jemanden auf.«

Uwe Naumann und Andreas Wohland

Aktionstag Wohnungslosenhilfe der Stadtmission Zwickau, 15. September, 13 bis 17 Uhr, Schumannplatz in Zwickau.

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