Meißen trauert um Bruder Siegbert

Gebete nach Meldungen über den Tod des Christusträger-Bruders in Afghanistan.

Am Abend des vergangenen Montags als die ersten Nachrichten über den Tod der beiden in Afghanistan verschollenen Deutschen durch die Nachrichten gehen, brennen Kerzen in der Meißner Sankt-Afra-Kirche und Menschen suchen Trost. Unter den alten Gewölben hat Bruder Siegbert acht Jahre mit den anderen Mitgliedern der Meißner Chri­stusträgerbruderschaft jeden Abend gebetet – jetzt soll er tot sein.

Menschen stellen Lichter auf, junge Pfadfinder wollen die Kirche vor Trauer nicht mehr verlassen, der Meißner Superintendent Andreas Stempel liest die Auferstehungsbotschaft der Bibel. »Sie war ihm sehr wichtig«, sagt Stempel.

Bruder Siegbert war bekannt in Meißen – und geschätzt. Er arbeitete als Seelsorger im Krankenhaus, begleitete Sterbende und Menschen in Not. Nun soll er in Afghanistan getötet worden sein. (Foto: Archiv)

Bruder Siegbert war bekannt in Meißen – und geschätzt. Er arbeitete als Seelsorger im Krankenhaus, begleitete Sterbende und Menschen in Not. Nun soll er in Afghanistan getötet worden sein. (Foto: Archiv)

Seit vor zwei Wochen bekannt wurde, dass der in Kabul arbeitende Siegbert Stocker (69) einer der beiden im afghanischen Gebirge vermissten Deutschen ist, nahmen spontan viele Meißner das von den Christusträgern in der Afra-Kirche begründete tägliche Abendgebet wieder auf.

Oft kamen gut 45 Menschen – darunter viele junge. »Ich war von der Meldung über seinen Tod sehr betroffen«, sagt Superintendent Andreas Stempel. »Ich kenne Bruder Siegbert gut und schätze ihn sehr: Seine tiefe Frömmigkeit, die sehr frei, offen und gar nicht aufgesetzt war. Es schmerzt sehr, dass wir ihn nicht wiedersehen können – und das geht vielen in Meißen so, weil er so viel hier gewirkt hat in seiner uneigennützigen Art.«

Nachdem er 2001 die Meißner Kommunität der evangelischen Bruderschaft mitgegründet hatte, arbeitete Bruder Siegbert als Seelsorger im dortigen Krankenhaus, begleitete Sterbende, half Menschen in sozialer Not, arbeitete mit Kindern und Jugendlichen von der Straße, gründete das Meißner Männer-Forum. Und er rief die christlichen Pfadfinder in der Domstadt ins Leben.

Seit zwei Jahren arbeitete der gelernte Werkzeugmacher in Kabul und baute dort eine Lehrwerkstatt für Afghanen auf. Bei seinem Abschied in Meißen sagte er: »Das, was ich in Gang gebracht habe, wird ohne mich weiterwachsen.«

Nun wollen sich die Meißner, die sich ihm verbunden fühlen, wie einst Bruder Siegbert jeden Tag um 19 Uhr in der Afra-Kirche zum Abendgebet treffen.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]