Der Tod nach dem Terror

In Afghanistan sind bisher 52 deutsche Soldaten gestorben – über die afghanischen Toten seit 2001 fehlen genaue Angaben, Schätzungen sprechen von Zehntausenden. (Foto: © Bundeswehr/Bienert)

In Afghanistan sind bisher 52 deutsche Soldaten gestorben – über die afghanischen Toten seit 2001 fehlen genaue Angaben, Schätzungen sprechen von Zehntausenden. (Foto: © Bundeswehr/Bienert)

Beschützen, schießen, beschossen werden – wie der 11. September 2001 das Leben eines christlichen Offiziers aus Sachsen veränderte.
 

Der Stabsoffizier hielt es für eines jener Computer-Kampfspiele: verwackelte Bilder und ein in Rauch gehüllter Wolkenkratzer. Soldaten starrten im Zelt des mazedonischen Bundeswehrlagers auf den Bildschirm. Es war der 11. September 2001. Auf dem Bildschirm bohrte sich ein Flugzeug in einen der Türme. Da begriff Hermann Meyer: Das ist Wirklichkeit. Dass die New Yorker Anschläge der Islamisten von al-Qaida bald seine eigene Wirklichkeit verändern sollten, ahnte er nicht.

Meyer (54) ist studierter Sozialpädagoge, Psychologe. Und Christ. Als er 1977 in Westdeutschland Soldat wurde, war Kalter Krieg und zugleich tiefster Friede. Kein Jahr nach den Anschlägen landet Hermann Meyer, damals Bataillonskommandeur, das erste Mal in Kabul. Auf der Petersberger Konferenz hatten Afghanen um eine internationale Schutztruppe (ISAF) gebeten, die UNO hatte sie im Dezember 2001 genehmigt, der Bundestag kurz darauf die Bundeswehr an den Hindukusch geschickt.

»Die Sicherheit auch unseres Landes war durch in Afghanistan ausgebildete Terroristen bedroht«, sagt Hermann Meyer. »Insofern entspricht der ISAF-Auftrag durchaus meinem Diensteid, Recht und Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen.«

Dreimal war der stellvertretende Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 37 »Freistaat Sachsen« aus Frankenberg zu Einsätzen in Afghanistan. Und je mehr er das von Bürgerkrieg und Terror verheerte Land kennen lernt, desto mehr denkt er: »Es geht um Nothilfe zugunsten der Gefolterten, der Geschändeten, der Wehrlosen. Wir sind vor Gott verantwortlich auch für unser Unterlassen und Dulden.«

Wenn der Oberst auf seinem Feldbett sitzt in einem Zelt oder Container mitten in Afghanistan, blättert er oft in der Bibel. Und liest den 91. Psalm. Der Vater dreier Söhne liest von »Pfeilen bei Tag« – und denkt an die Raketen, die immer wieder auf das Bundeswehr-Lager in Faizabad niedergehen. Er liest von »Stricken des Jägers« – und denkt an Drähte, die versteckte Sprengfallen auslösen. An Minen und Heckenschützen. Er liest vom »Grauen der Nacht«.
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Auf Meyer und seine Patrouille wurde geschossen, sie sind von einer Menschenmenge bedroht worden, ihre Fahrzeuge sind in einen Hinterhalt geraten. Sie sind auf ermordete Zivilisten gestoßen. »Es gibt Grenz­erfahrungen im Einsatz, in denen der Seele so viel zugemutet wird, dass man zweifelt – ja sogar verzweifelt und auch vom Glauben abfallen kann«, sagt der heutige Oberst. Dann liest er im Psalm über Gott: »Er errettet dich«.

Vor jeder Patrouille schloss der Oberst die Befehlsausgabe unter dem klaren afghanischen Himmel mit einem Gebet um Gottes Begleitung. Nach jeder Rückkehr dankte er ihm für Schutz und Bewahrung. Keiner seiner nicht-christlichen Soldaten nahm Anstoß daran. Keiner seiner Männer kam bei diesen Einsätzen bisher zu Schaden.

Auch die deutschen Soldaten schießen. »Ich werde vor Gott schuldig, wenn ich töte«, sagt der Oberst und erinnert sich an ein Gefecht. »Doch ich weiß, dass mein himmlischer Vater meine Beweggründe sieht – und vertraue auf seine Gnade.« Die Kritik der früheren EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann an dem Afghanistan-Einsatz hat Hermann Meyer irritiert. Wie solle ziviler Aufbau möglich sein, wenn Aufständische immer wieder töten und zerstören, fragt er. Und wer erinnere sich eigentlich noch an den Grund des Krieges – daran, dass Afghanistan heute kein ungestörtes Rückzugsgebiet für Terroristen mehr sei?

Im nächsten Jahr wird Hermann Meyer wieder nach Kunduz fliegen. Er wird dort afghanische Soldaten beraten, damit die Bundeswehr das Land eines Tages »guten Gewissens« verlassen kann. Wie bei jedem Einsatz wird Meyer in seiner Uniformtasche über dem Herzen ein abgewetztes Metallkreuz tragen. Ein Mann hat es für ihn im Kosovo aus einem Stück Panzerkette gefeilt. Der Mann war Moslem.

Andreas Roth
 
 

Das Interview mit Oberst Hermann Meyer in voller Länge:

 
Frage: Wie haben Sie den 11.9.2001 erlebt, war Ihnen damals schon klar, welchen Einschnitt er auch für die Bundeswehr und ihren Beruf bringen sollte?

Meyer: Ich kann mich sehr gut an den 11.9.2001 erinnern. Ich befand mich im Auslandseinsatz der KFOR-Mission und führte einen Konvoi von rund 80 Fahrzeugen, der am Morgen am Hafen von Thessaloniki in Griechenland aufgebrochen war, nach Norden. Am Nachmittag trafen wir in einem Feldlager der Bundeswehr in Mazedonien ein. Dort wollten wir eine mehrstündige Rast einlegen, bevor wir am Abend den Weitermarsch in das Kosovo hinein antraten.

Ich betrat ein Betreuungszelt des Feldlagers, um einen Kaffee zu trinken. Von meinem Tisch aus beobachtete ich einige Soldaten vor einem großen Bildschirm sitzend, auf welchem die grob-pixelige Filmaufnahme eines in schweren Rauch gehüllten Wolkenkratzers inmitten einer Stadt zu sehen war. Ich hielt dies alles für eines der damals in Mode gekommenen Ego-Shooter-Spiele und wand mich meinem Kaffee zu. Die Soldaten vor dem Bildschirm wurden kurzzeitig lauter und weckten erneut meine Aufmerksamkeit.

Als ich eine sich mehrmals wiederholende Szene wahrnahm, in welcher ein Flugzeug in ein zweites Gebäude krachte und auch dort ein Inferno verursachte, wurde ich stutzig. Erst als ich hinter den Soldaten stand und die Szene auf dem Bildschirm erneut wiederholt wurde, dazu jedoch ein Kommentar aus dem Off sowie ein am unteren Bildschirmrand eingeblendetes Textband durchgehend weiterliefen, wurde mir bewusst, dass es sich um Realität handelte.

Ich hielt es für einen politisch-wirtschaftlich begründeten Terroranschlag, der gegen das Handelszentrum der westlichen Hemisphäre gerichtet war.
Einige Tage später verfolgte ich von Prizren/Kosovo aus die Nachrichten, in welchen von einem Ultimatum des US-Präsidenten Bush jun. gegen die afghanische Taliban-Regierung zur Auslieferung Osama bin Ladens als identifiziertem Urheber des Attentats die Rede war.

Frage: Hat der Anschlag auf das World Trade Center und die Folgen daraus Ihre Einstellung als Christ und Soldat zu Ihrem Beruf verändert?

Meyer: Nein. Der Weigerung der afghanischen Taliban-Regierung, dem aus dem arabischen Raum stammenden Terrornetzwerk Al Qaida die Nutzung Afghanistans als Basis und Unterschlupf für seine erklärte und immanente terroristische Bedrohung gegen den Westen zu verwehren, sollte – nachdem politische Ultimaten und angedrohte Sanktionen keinen Erfolg zeigten – durch militärische Gewalt begegnet werden.

Nach Ende der Operation ENDURING FREEDOM, in deren Folge die Taliban-Herrschaft beendet und die Bedrohung durch Al Qaida weitestgehend gestoppt worden war, wurde nach der Petersberger Konferenz vom Dezember 2001 der parlamentarische Auftrag an die Bundeswehr erteilt. Dieser war es, Frieden, die Einhaltung der Menschenrechte und ein sicheres Umfeld für den Wiederaufbau in Afghanistan zu bewahren als Voraussetzung dafür, dass von dort aus keine Bedrohung mehr erfolgen würde.

Die Äußerung des damaligen Verteidigungsministers, Peter Struck, wonach Deutschland am Hindukush verteidigt würde, erschien all jenen drastisch, welche noch Szenarien des Kalten Kriegs vor Augen hatten, in welchen die Bundeswehr mit ihren Bündnispartnern Schulter an Schulter zur Verteidigung an der innerdeutschen Grenze in Stellung gegangen wäre. Für mich war die Aussage Strucks jedoch ohne Zweifel nachvollziehbar. Die Sicherheit unseres Landes war ebenso bedroht wie die Sicherheit der Vereinigten Staaten, welche konkretes Ziel dieses Terroranschlags geworden waren. Aus Deutschland heraus waren nachweislich sogar Unterstützungsleistungen für den Anschlag auf das World Trade Center erfolgt.

Insofern entsprach der ISAF-Einsatzauftrag durchaus meinem Diensteid, „… der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Für mich war dies Schutz auf Distanz. Ich will dies an einem Bild festmachen. Ich bin auf der Landwirtschaft im Fränkischen aufgewachsen. Ich erinnere mich an eine Zeit, in welcher in unserer Nachbarschaft die Bäuerin morgens beim Eierholen aus dem Hühnerhof immer wieder einige blutig gerissene Küken fand. Versuche, den Zaun zu verdichten und die Hühner dadurch besser zu schützen, nutzen kaum. Nach wenigen Tagen war der Räuber an einer anderen Stelle eingedrungen und hatte wieder Küken gerissen. Der Bauer entschied, nicht mehr länger reaktiv abzuwarten oder zu hoffen, dass das Raubtier sich einem anderen Stall zuwenden würde, sondern den Schutz des verletzten Gutes proaktiv in die Hand zu nehmen. So machten wir uns als Kinder zusammen mit dem Nachbarn auf die Suche nach dem Fuchsbau.

Frage: Wie empfinden Sie Gewaltanwendung als Christ? Besteht eine Spannung zwischen dem 5. Gebot und dem Auftrag als Soldat?

Meyer: Diese Frage berührt das Grundverständnis meines Berufs. Kann ich Soldat und gleichsam Christ sein? Wie soll das gehen? Wem bin ich höher verpflichtet – meinem christlichen Glauben oder der Loyalität gegenüber politisch legitimiertem Handeln? Als Christ weiß ich, dass ich verantwortlich bin – verantwortlich in dem Sinne, dass ich Gott einmal Antwort werde geben müssen. Dabei bin ich sowohl verantwortlich für mein Tun als auch für mein Lassen. Es ist mir wichtig, das verstanden zu wissen – wir sind vor Gott verantwortlich auch für unser Unterlassen, Dulden und Wegsehen.

Ich habe für meine persönliche Antwort auf diese Frage nach theologischem Rat gesucht und ihn bei jemandem gefunden, der schon einmal einem Soldaten die Frage nach dem vermeintlichen Widerspruch zwischen Soldat- und Christ-Sein beantwortet hat. Das ist knapp 500 Jahre her, hat jedoch unverändert Gültigkeit. Auf die Frage des chursächsischen Oberst Assa von Cram, ob „Kriegsleut` in den sel`gen Stand gelangen“, also Gnade vor Gott finden können, hat der damalige Pfarrer Dr. Martin Luther zum Ende seines umfassenden Antwortbriefs, den er vor dem Hintergrund des Bauernkrieges und dem Blutbad bei Frankenhausen geschrieben hat, geantwortet: „Hütet Euch vor dem Krieg – es sei denn, dass Ihr wehren und schützen müsst“. Das bringt es für mich auf den Punkt – „Wehren und Schützen“.

Notwehr gegenüber den Aggressoren, Kriegstreibern, Terroristen, damit Rechtsbruch und Gewalt schnellstmöglich gestoppt werden. Nothilfe zugunsten der Schutzbedürftigen, der Gefolterten, der Geschändeten, der Wehrlosen; diese Hilfe muss verlässlich und nachhaltig sein.

Wenn wir Toleranz gegenüber den Intoleranten, den Gewaltbereiten, den Terroristen gewähren, dann führt dies nicht dazu, dass sie von ihrem Handeln ablassen. Im Gegenteil – der Verzicht auf Gegenwehr und das Gewähren-Lassen bestärken den Aggressor in seinem Handeln und führen zu noch mehr Gewalt, ja sogar zu Vernichtung. Das hat sich 1994 in Ruanda und 1995 in Bosnien ebenso erwiesen wie bei den Anschlägen in New York, Madrid und London in den vergangenen Jahren. Es kommt darauf an, frühzeitig an die Wurzeln des Übels heranzugehen – principiis obsta (malus) – Wehret dem (bösen) Anfang.

Und Ja! – ich werde als Christ vor Gott schuldig, wenn ich töte. Doch vor dieser Erkenntnis brauche ich nicht zu erschrecken oder zu resignieren. Vielmehr will ich als Christ das Leben konsequent bejahen und gestalten und schützen – Negieren ist weder christlich noch soldatisch. Ich habe für mich die Gewissheit, dass auch Gott dies alles weiß, er kennt meine Motivation als Soldat der Bundeswehr sehr genau – und so vertraue ich auf Seine Gnade und bin mir Jesus als meinen Fürsprecher an meiner Seite sicher.

Frage: Welche Erfahrungen mit dem Erleben und Ausüben von Gewalt haben Sie im Einsatz gemacht? Gab es Situationen, in denen Ihnen Ihr Glaube geholfen oder in denen er Sie in ein ethisches Dilemma gebracht hat?

Meyer: Es gibt Grenzerfahrungen im Leben und besonders im Einsatz, in denen der Seele soviel zugemutet wird, dass man zweifelt, ja sogar verzweifelt und auch im wörtlichen Sinn vom Glauben abfallen kann. Bei einer Patrouille am Stadtrand von Sarajewo stießen wir in einem zerschossenen Haus auf die Leichname von Kindern – verstümmelt, teilweise verbrannt, von Tieren angenagt. Kinder im Alter meiner eigenen Söhne. Solche Bilder können sich tief ins eigene Herz einbrennen.

In Situationen von großem Leid, hoher Bedrängnis und Not, in denen die Chance, diese zu überwinden und aus ihnen wieder herauszukommen und Rettung zu erfahren, nach unserem menschlichen Ermessen aussichtslos erscheint, bete ich ganz besonders intensiv darum, dass Gott meine Kameraden und mich davor bewahrt, dauerhaft und irreparabel Schaden an Geist, Herz und Seele zu erleiden. Wer in solchen Situationen so sehr an Gott zweifelt, dass er sich von ihm abwendet, der wird selbst abstürzen; ins Bodenlose fallen, ohne Hoffnung auf Halt, auf Bergung. Wer richtet uns überhaupt noch auf, wenn alles Menschliche längst versagt hat?

Wir zweifeln ja eigentlich nicht an Gott, sondern sind viel mehr verzweifelt über das unvorstellbar Grauenvolle, das Menschen ihren Mitmenschen anzutun in der Lage sind. Manche fragen dann vielmehr, wie Gott das zulassen kann und sind sich dabei bewusst, dass das Böse vom Menschen selbst ausgeht. Warum schreitet Gott da nicht ein, fragen sie. Vielleicht – so denke ich -, weil wir längst aufgehört haben, ihn an unserem Leben teilhaben zu lassen, ihn einzubeziehen als feste Größe, als Ankerpunkt und gleichsam als Richtschnur dafür, wie unser Leben gelingen kann.

Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass, wer Gott ganz vertraut und sich an ihn wendet, immer Hoffnung hat, denn: Für Gott ist nichts unmöglich. Diese Erfahrung habe ich persönlich schon gemacht – im Einsatz wie auch im „normalen“ Leben als Ehemann und Familienvater, als Nachbar.

Mir persönlich hat in meinen bisherigen Einsätzen in Afrika, auf dem Balkan und in Afghanistan Psalm 91 in besonderem Maß Zuspruch, Trost und auch Mut gemacht. In dem sogenannten Soldaten-Psalm „Wer unter dem Schutz des Höchsten bleibt“, berührt die Übertragung der alten biblischen Sprache in die Gegenwart der laufenden Auslandseinsätze die Bedrohung der Soldaten im Einsatz durch Landminen und Raketen ebenso bildhaft wie die Gefahren durch Sprengfallen und Heckenschützen. In diesem Psalm will Gott von uns das bewusste, aktive, vom eigenen Willen getragene Entscheiden und Handeln hin zu ihm, als dem zentralen Punkt in unserem Leben. Psalm 91 bündelt in ganz konzentrierter Form die damit verbundenen festen Zusagen Gottes denen gegenüber, die sich an ihn wenden, zu ihm kommen und bei ihm bleiben.

Frage: Haben sich in solchen Extremsituationen Werte für Sie verändert?

Meyer: Ja, – lassen Sie mich ein weiteres Beispiel aus eigenem Erleben im Zusammenhang mit dem Einsatz geben. Einige Wochen nach dem geschilderten Fund der verstümmelten Kinderleichen war mein Einsatz beendet und ich kehrte zu meiner Familie nach Deutschland zurück. Ich hatte noch einige Tage Urlaub, und meine Frau und ich entschieden uns, bei frühsommerlichem Frühlingswetter zum Besuch des nahegelegenen Kinderspielplatzes mit einem unserer Söhne, damals noch im Kindergartenalter. Nach einiger Zeit ließ mich eine lautstarke Frauenstimme aufhorchen. Einige Meter von unserer Bank entfernt wehrte sich ein kleines Mädchen gegen den Versuch seiner Mutter, es vom Klettergerüst herunter zu ziehen, vermutlich um nachhause zu gehen.

Die Mutter wurde ungeduldig, geriet rasch in Rage, riss das Mädchen förmlich am Arm, sodass es aufschrie und wollte es schlagen. Ich stürzte auf die Frau zu und schrie sie meinerseits an, ob sie nicht wisse, was sie da für ein kostbares Geschenk in Händen halte; sie solle froh sein, dass ihr Kind nicht verstümmelt und verbrannt im Schutt eines zerschossenen Hauses liege. Nur dem raschen Einschreiten meiner Ehefrau, die mich von der Frau wegzog, war es zu verdanken, dass diese Situation nicht weiter eskalierte. Ich war später erschrocken darüber, die Beherrschung verloren zu haben. Dies zeigt mir, dass das Erleben von Gewalt Spuren in mir hinterlässt. Meine Toleranzschwelle gegenüber Aggression gegen „Wehrlose“ ist deutlich herabgesetzt. Mit diesen beiden Erlebnissen in Sarajewo und auf dem Kinderspielplatz in Deutschland war mir der unermessliche Wert des uns von Gott geschenkten Lebens wieder bewusst geworden – unseres eigenen Lebens und dasjenige deren, die auf unseren Schutz angewiesen sind.

Gerade im Zusammenhang mit Gefechtssituationen gewinnen Werte an Bedeutung; Tapferkeit, wenn es darum geht, unter Feindfeuer einen durch eine Sprengfalle verletzten Kameraden aus dem Schussfeld zu ziehen, damit er dort nicht verblutet. Das Über-sich-Hinaus-Wachsen, wenn ein Arzt oder ein Sanitätsfeldwebel trotz anhaltender Belastung und Müdigkeit hochkonzentriert bei einer Operation im Einsatzlazarett arbeiten. Empathie, wenn man trotz eigener traumatisierender Erlebnisse sich zurücknimmt und dem Kameraden zuhört, weil dieser noch unter den unmittelbaren Eindrücken von Beschuss und Verwundung loswerden muss, wie seine Spähtruppfahrzeuge in einen feindlichen Hinterhalt geraten waren.

Sich dann eben nicht abzuwenden, um „eigene Wunden zu lecken“, sondern ihm mit Geduld, Verständnis und Trost zu begegnen, das sind Beispiele für Werte, die möglicherweise vor dem Einsatz von nur schwer vorstellbarer Bedeutung waren. Vorbildhaftigkeit auch unter widrigsten Rahmenbedingungen, Verlässlichkeit, Vertraulichkeit, partnerschaftliche Treue zählen ebenfalls dazu.

Frage: Welche Ziele des Afghanistan-Einsatzes konnten aus Ihrer Sicht erreicht werden, welche nicht?

Meyer: Der Einsatz von ISAF hat dafür gesorgt, dass Afghanistan keineswegs mehr als Rückzugsgebiet, logistische Basis und ungestörte Ausbildungsplattform für Terrorangriffe herangezogen werden kann. Das ist in erster Linie der Präsenz und Nachhaltigkeit von ISAF in der Fläche und der Operation ENDURING FREEDOM zu verdanken. Die positiven Folgen von wirtschaftlichem, politischem und bildungsspezifischem Aufbau – insbesondere im Norden – sind erkennbare Signale an die afghanische Bevölkerung, dass dies besser ist, als Unterdrückung, Willkür, Ausbeutung, Entreißen der Selbstbestimmung und menschenverachtendes Rollenverständnis unter den Taliban; dies werte ich ebenfalls als Pluspunkt der erreichten Ziele.

Noch nicht erreicht haben wir, dass Afghanistan mit eigenen Fähigkeiten, Kräften und Mitteln in der Lage ist, für die Sicherheit seines Landes und seiner Einwohner zu sorgen und als stabiler Pfeiler in der Region zu wirken. Die Arbeit der OMLT und POMLT ((Police) Operational Mentoring & Liaison Teams) von Bundeswehr und Bundes- und Länderpolizeien ist sehr wertvoll, bedarf des langen Atems und der konzentrierten Anstrengung zur intensiven Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte.

Frage: Wie empfinden Sie den Umgang von Politik, Kirchen und Bevölkerung mit dem Afghanistan-Einsatz? Vergisst die Gesellschaft zu schnell die ursprünglichen Gründe dafür – oder ist eine Diskussion (Stichwort Margot Käßmanns Kritik) auch für die Bundeswehr fruchtbar?

Meyer: Wir müssen uns vor Augen halten, dass fast alle der seit 2001 in Deutschland festgenommenen Aktivisten des islamistischen Terrorismus eine Terror-Ausbildung in Afghanistan unter Billigung des Taliban-Regimes erhalten haben; entsprechende Gerichtsprozesse belegen dies. Darüber hinaus wurden von den so Ausgebildeten nachweisbar auch Anschläge in Deutschland vorbereitet, die gerade noch vereitelt werden konnten. Dass dies nicht nur eine singuläre Erscheinung zu Anfang dieses Jahrzehnts ist, zeigen die Ermittlungsergebnisse um die sogen. „Sauerland-Gruppe“ in der jüngsten Vergangenheit.

Die Sicherheit Deutschlands und Europas wurde aus Afghanistan heraus bedroht und läuft Gefahr, es wieder zu werden, wenn es nicht gelingt, den bedrohenden Einfluss der Taliban zu stoppen. Wir dürfen nicht sehenden Auges zulassen, dass den gegnerischen Kräften Afghanistan erneut als „safe haven“ zur Verfügung steht, aus welchem heraus sie Terror und Blutvergießen tragen können.

Ich habe gerade in den vergangenen Monaten den Eindruck gewonnen, dass dieser Zusammenhang in der Bevölkerung so gut wie nicht bekannt und auch bei manchen Parlamentariern nur unzureichend präsent ist. Und wo Information fehlt, da schwinden Einsicht und Rückhalt.

Bischöfin Käßmann hatte mit der Erklärung, dass der Krieg in Afghanistan „durch nichts zu rechtfertigen“ sei, bei uns Soldaten, unseren Familien und bei manchem Militärseelsorger im Einsatz für Verwirrung gesorgt. Als Pauschalurteil zeugt mir diese Äußerung von nicht hinreichend sorgfältiger Auseinandersetzung mit dem Thema. Dies ändert jedoch nichts an der sehr guten und wertvollen seelsorgerischen Betreuung, die wir durchgängig im Einsatz erfahren. Wenn die damalige Bischöfin Käßmann fordert, dass für die Stabilisierung Afghanistans „… der zivile Teil dominieren …“ müsse, ist das zunächst richtig. Diese Forderung beschreibt einen künftigen Status nach deutlich höherer Wirksamkeit politischer Anstrengungen in den zivil geprägten Bereichen des Bundestagsmandats.

Doch darf eben nicht verschwiegen oder gar ausgeblendet werden, dass die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit zivilen Engagements maßgeblich durch das sichere Umfeld beeinflusst wird, in welchem dieses Engagement nur wirksam werden kann. Sicherheit ist für die Stabilisierung des Landes eine conditio sine qua non – und das gilt nicht nur für Afghanistan, sondern für viele Krisen- und Nach-Kriegs-Situationen.

So lange Konvois mit humanitären Gütern überfallen, Mitglieder von Hilfsorganisationen und Journalisten verschleppt, zivile Wiederaufbauprojekte gezielt zerstört und die Tötung der Zivilbevölkerung durch die Aufständischen nicht nur billigend in Kauf genommen sondern bewusst herbeigeführt werden, muss jedes zivile Bemühen stagnieren. Diese Situation erleben wir ja in Afghanistan heute wieder. Hier ist einzig der konsequente Einsatz von gut ausgebildeten Sicherheitskräften im Schulterschluss mit den ISAF-Truppen erfolgversprechend, um mit militärischen Mitteln Einhalt zu gewähren.

Und darin besteht der Auftrag der Bundeswehr im engen Partnering mit den ANSF (Afghan National Security Forces) wie ich ihn eingangs darlegte: nämlich die Schaffung und Wahrung eines sicheren Umfelds für die zivile Dimension des Bundestagsmandats. Den gewaltbereiten Kräften, die ohne Rücksicht auf humanitäre Rechte mit drastischer Waffengewalt und Terror gegen die Konsolidierung des Landes vorgehen, muss rasch und dauerhaft der Boden entzogen werden. Der Schutz der Bevölkerung steht dabei im Mittelpunkt. Auch hier kommt in besonderem Maß der vorhin genannte christliche Gedanke des Wehrens und Schützens zum Tragen.

Damit ISAF – und damit auch die Bundeswehr – nun tatsächlich einmal Afghanistan „guten Gewissens“ verlassen können, ist es unabdingbar, durch entsprechende Ausbildung und Ausrüstung die afghanischen Sicherheitskräfte so umfassend zu befähigen, dass sie eigenständig den Schutz der Bevölkerung und ihres Landes herstellen und halten können.

Wenn es unseren Politikern gelingt, den engen Zusammenhang von Sicherheit und Stabilität in Afghanistan auch für Deutschlands Sicherheit und den Frieden in der Welt zu erkennen, dies in der Öffentlichkeit nachvollziehbar darzustellen und auch beherzt zu vertreten, dann werden besseres Verständnis, Akzeptanz und Rückhalt in der Gesellschaft für Auftrag und Einsatz der Bundeswehr die Folge sein.

Oberst Hermann Meyer ist stellvertretender Brigadekommandeur der Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ in Frankenberg/Sa, 54 Jahre alt, verheirateter Vater von drei Kinder und evangelisch-lutherischer Christ.

Hermann Meyer arbeitet an einem Buch über den Psalm 91 mit dem Titel »Psalm 91 – Der Soldaten-Psalm«. Darin will er einerseits eine Übersetzung der Auslegung dieses Psalms der amerikanischen Autorin P.J. RUTH übernehmen, über Erfahrungen von Soldaten mit Gott im Einsatz berichtet Im zweiten Teil sollen – ähnlich der englischsprachigen Ausgabe – Bundeswehrsoldaten und ebenso Angehörige von Polizei und Hilfsorganisationen im Auslandsdienst in Krisen- und Kriegsgebieten zu Wort kommen, die diese Zusagen Gottes für sich in Anspruch genommen und deren Wahrheit hautnah erlebt haben.

Wenn Sie Interesse an der Mitarbeit zur deutschen Ausgabe des Buchs über Psalm 91 haben und durch die Schilderung Ihres persönlichen Erlebnisses mit Gott im Inlandsdienst oder im Einsatz ein Bekenntnis Ihres christlichen Glaubens ablegen möchten, dann sind Sie herzlich eingeladen, bis 31. Dezember 2011 mit Hermann Meyer Verbindung aufzunehmen.

Kontakt: Psalm91@gmx.net oder Oberst Hermann Meyer, Panzergrenadierbrigade 37, Wettiner Kaserne, 09669 Frankenberg/Sachsen, Tel.: 037206-39-3010; E-Mail: HermannMeyer@bundeswehr.org

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