Im Schatten des Papstes

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Benedikt XVI. kommt ins Herzland des Luthertums. Einige evangelische Pfarrer wollen sich mit der Kirchenspaltung nicht abfinden – sie arbeiten an einer Wiedervereinigung.

Wenn Papst Benedikt XVI. am nächsten Sonnabend vor dem Erfurter Dom die Messe hält, wird Volkmar Walther unter den rund 30 000 Besuchern mitfeiern. Walther ist evangelischer Pfarrer. »Dass die Kirchen getrennt sind, ist für mich ein Stein des Anstoßes«, sagt der Dresdner. Die Bitte Jesu, dass seine Jünger »eins seien« (Johannes 17, Vers 21), ist für den Pfarrer im Ruhestand ein Auftrag – so wie für den gesamten Bund für evangelisch-katholische Einheit, dessen Vorsitzender er ist.

»Wir verstehen uns wie Luther als eine innerkatholische Reformbewegung«, sagt Walther. »Unser großes Ziel ist eine Kirchgemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche, in der wir unsere Lehre und Formen bewahren: Etwa Luthers Rechtfertigungslehre, das Augsburger Bekenntnis, den Schatz der evangelischen Kirchenmusik, verheiratete Pfarrer.«

Der Einheits-Bund ist mit seinen 30 Mitgliedern – darunter auch sächsische Pfarrer – zwar klein, das Ziel aber ist groß: Die »Versöhnung mit dem Bischof und der Kirche von Rom.« So steht es im Statut der vor einem Jahr auch von Volkmar Walthers Verein mitgegründeten Evangelisch-Katholischen Gemeinschaft Augustana. Sie könnte nach dem Willen ihrer Gründer dereinst eine Vorstufe für eine Kircheneinheit mit Rom sein.

Beitrag aus DER SONNTAG 38/2011

Beitrag aus DER SONNTAG 38/2011

Vorbild dafür ist die anglikanische Kirche, in der sich wegen der Weihe homosexueller Bischöfe Gruppen und Gemeinden abspalten wollen. Mit seiner apostolischen Konstitution »Anglicanorum coetibus« machte Benedikt XVI. im November 2009 die Tür nach Rom ungewöhnlich weit auf. Anglikanische Gruppen dürfen Teil der römischen Kirche werden – und dabei in eigenen Ordinariaten die Sakramente und die Liturgie gemäß der eigenen Tradition feiern. Der Papst bezeichnet sie in seinem Schreiben als »Reichtum, den es zu teilen gilt.« Sogar verheiratete Priester seien möglich.

Die Regeln dafür schreibt Rom. Zwar hat die katholische Kirche in einer gemeinsamen Erklärung mit den Protestanten 1999 Luthers Kernthese akzeptiert, dass der Mensch allein durch Gottes Gnade gerecht wird – und nicht durch seine Taten. Und unter evangelischen Theologen wird mittlerweile diskutiert, inwieweit ein reformiertes Papsttum akzeptiert werden kann.

Doch als Kirche erkennt der Vatikan die Protestanten nicht an. Gültige Priester sind für ihn nur solche, die ihr Amt von Bischöfen erhalten haben, die in einer ununterbrochenen Weihe-Kette bis hin zu den biblischen Aposteln stehen – Frauen ausgeschlossen. Auch mit der besonderen Stellung der Pfarrer als Repräsentanten Christi können viele Protestanten – das »Priester­tum aller Gläubigen« im Kopf – wenig anfangen.

Es gibt eine Strömung in den evangelischen Kirchen, die diesen theologischen Graben überwinden möchte: die Hochkirchliche Vereinigung. Zu ihrem sächsischen Konvent gehören gut 40 Pfarrer. »Wir wollen die lutherische Landeskirche nicht verlassen, sondern suchen eine Brückenfunktion«, sagt ihr Vorsitzender Frank Pierel, Pfarrer im vogtländischen Pausa.

Ob bei der Ehrfurcht vor der Gegenwart Christi in Brot und Wein des Abendmahls, ob – von leitenden Theologen der Landeskirche argwöhnisch beäugt – in der weihrauchgeschwängerten Liturgie oder in der Heraushebung der Pfarrer vor der Gemeinde – »theologisch sind wir der römisch-katholischen Position relativ nahe«, sagt Pierel. Und fern von weiten Teilen des deutschen Protestantismus.

Zweifelnd fragte sich der Erlangener Theologieprofessor Wilfried Joest in seiner Dogmatik, ob aus einer Annäherung an das katholische Amtsverständnis »innerhalb der evangelischen Kirchen nicht auch eine Vertiefung bestehender Gegensätze« entstehen könnte. Aus dem Willen zur Einheit entstünde so eine reformierte Kirche der Reformation – oder eine neue Spaltung.

Andreas Roth
 

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]