»Weit voneinander entfernt«

Nebeneinander statt Miteinander: Die Evangelischen Hochschulen in Dresden und Moritzburg gehen getrennte Wege. Die Landeskirche hätte es gern anders.

Professor Ralf Evers leitet die Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

Professor Ralf Evers leitet die Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

Eine Art feierliche Prozession durch die Stadt soll es werden: Am 19. September wollen Studenten und Dozenten der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (EHS) aus ihren zwei alten Gebäuden in der Südvorstadt umziehen in ihr neues Domizil in Johannstadt. Dieses ist eine Kombination aus modernisiertem Altbau und einem neuen Anbau. Rund 32 Millionen Euro hat der Freistaat dafür investiert. Die EHS wird sich das Gebäude mit der Staatlichen Studienakademie teilen.

Reichen werde der Platz für die dann fast 700 Studenten der EHS jedoch nicht, sagt Professor Ralf Evers, der Rektor. Für das in die Stiftung der EHS integrierte Forschungszentrum müssten zusätzlich Räume im Nachbargebäude angemietet werden. »In allen Studiengängen verzeichnen wir steigende Bewerberzahlen«, sagt Evers. Zehn Anwärter kommen im Schnitt auf einen Studienplatz. »Und alle Absolventen werden in Arbeit vermittelt.« Inzwischen klopfen die Sozialverbände und Einrichtungen, die Arbeitskräfte suchen, bei der EHS an.

Umfragen und Rankings bescheinigen der EHS Bestnoten bei Studiensituation, Studierbarkeit, Praxisbezug und Forschungsgeldern. »Für uns ein Riesenkompliment«, sagt Evers.

Die Umfragen honorierten auch, dass die Fachhochschule, die von einer Stiftung getragen und zu 85 Prozent vom Freistaat sowie 15 Prozent von der Landeskirche finanziert wird, mit Forschung, Weiterbildung und Beratung mehr und mehr eigene Mittel erwirtschaftet. »Hier haben wir den Umsatz fast verdoppelt«, sagt Evers.

Die Finanzierung durch den Freistaat allerdings bereitet ihm Sorgen. »Wir haben Mittel nur bis Ende 2012 zugesichert bekommen. Die jetzigen Studierenden sind aber bis 2014 bei uns.« Offenbar warte Sachsen die eigene Hochschulplanung ab.

Die Landeskirche hingegen wünscht sich eine engere Zusammenarbeit der EHS mit der Moritzburger Evangelischen Hochschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie. Wie es im letzten Bericht der Kirchenleitung hieß, betrachtet sie ein Zusammengehen als »wesentlichen Zukunftsfaktor für die evangelische Hochschulausbildung in Sachsen«.

Noch vor sechs Jahren sei der Wille dazu auch groß gewesen, sagt Evers. Das Bibliothekssystem wurde angeglichen, Lehrkräfte wurden ausgetauscht. Inzwischen jedoch empfindet der Rektor der EHS die Bemühungen um Zusammenarbeit als »frustrierenden Prozess«. Absolventen aus Moritzburg können inzwischen an der EHS ihren Master machen. Umgekehrt sei der Übergang nicht möglich. Zu sehr unterscheiden sich die Studiengänge formal und inhaltlich. »Wir sind so weit entfernt voneinander wie nie zuvor«, resümiert Evers.

Rektorin Hildegard Wickel unterrichtet an der Evangelischen Hochschule in Moritzburg, in der vor allem Gemeindepädagogen ausgebildet. (Foto: Steffen Giersch)

Rektorin Hildegard Wickel unterrichtet an der Evangelischen Hochschule in Moritzburg, in der vor allem Gemeindepädagogen ausgebildet. (Foto: Steffen Giersch)

Das sieht Professorin Hildegard Wickel, Rektorin in Moritzburg, ebenso. Ein Grund dafür liegt für sie in den unterschiedlichen Rechtsformen.

Ihr Träger, das Moritzburger Diakonenhaus, wird von der Landeskirche finanziert  die EHS zum größten Teil aus staatlichen Mitteln. Hinzu komme der Unterschied der Profile: »Wir bilden für die Gemeinden aus. Die EHS für die soziale Arbeit innerhalb, aber auch außerhalb der Kirchgemeinden.«

Ihr Alternativvorschlag klingt kühn angesichts der Kassenlage der Landeskirche, Hildegard Wickel stellt ihn dennoch zur Diskussion: »Warum nicht EHS, Moritzburg und die Hochschule für Kirchenmusik zu einer evangelischen Gesamthochschule mit drei verschiedenen Bereichen zusammenschließen?« Vorerst hält sie jedoch statt des Miteinanders nur ein »gutes Nebeneinander« für realistisch.

Entscheidende Veränderungen gibt es mit Beginn des Wintersemesters Anfang Oktober auch in Moritzburg.

Das Zeitalter des Bachelor-Studiums beginnt. In zwei neuen Studiengängen: Der eine – in Kooperation mit der Hochschule für Kirchenmusik – kombiniert Evangelische Religionspädagogik mit musikalischem Profil. »Eine zusätzliche Qualifikation für Kirchenmusiker im Nebenamt«, erläutert Hildegard Wickel. Der andere verknüpft die Religionspädagogik mit Sozialer Arbeit. Eine Neuerung übrigens, die in der EHS für »atmosphärischen Unmut« sorgt, wie Ralf Evers bemerkt.

»Das religionspädagogische Profil bleibt aber das, was uns auszeichnet«, betont Hildegard Wickel. 28 neue Studenten erwartet Moritzburg, acht mehr als sonst im Schnitt.

2015 soll ein Master­studiengang starten. In dem können sich Absolventen für die mittlere Ebene der kirchlichen Pädagogik qualifizieren, etwa Bezirkskatechet, Jugendwart oder Bildungsreferent. Zugleich als Religionslehrer bis zur 10. Klasse. Auf eine Zukunft mit möglichen neuen Studiengängen stellt sich Moritzburg auch mit dem Namen ein.

Hieß sie bisher Fachhochschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie, so firmiert sie nun als Evangelische Hochschule Moritzburg (EHM).

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]