Frauenaufbruch ’89

Als am 3. Dezember 1989 auf einen spontanen Aufruf hin 1 200 Frauen aus allen Regionen der DDR im großen Theatersaal der Berliner Volksbühne zusammentrafen, war dies einer jener Momente, in denen selbst das Patriarchat, das den Realsozialismus überdauert hatte, aufzubrechen schien. Das Treffen in der Volksbühne und die Gründung eines Unabhängigen Frauenverbandes (UFV) als politische Interessenvertretung spiegelte eine Grundstimmung, die sich lange vorbereitet hatte. Ein über Jahre angestautes Unbehagen von Frauen mit der eigenen und der Situation dieses Landes, die Entmündigung durch Vater Staat, die verordnete Sprachlosigkeit und Vereinzelung – all dies entlud sich in dem vollbesetzten Saal in einer Befreiung der Sprache, dem verbindenden Gefühl, Gleiches erlebt zu haben – und letztlich in der Entschlossenheit, sich jetzt und sofort mit politischen Konzepten in die gesellschaftliche Erneuerung einzuschalten.

Vor diesem Hintergrund trat in der DDR eine erstmals öffentlich agierende, autonome Frauenbewegung hervor, deren Wurzeln bis in die frühen 1980er Jahre zurückreichen. Vertreterinnen von über 60 Frauengruppen und Einzelfrauen, Frauen aus nichtstaatlichen Frauen- und Lesbengruppen, Frauen aus kirchlichen Netzwerken, kritische Wissenschaftlerinnen, Reformerinnen aus der SED – kurz: Frauen aus den unterschiedlichsten Kreisen und Glaubensrichtungen traten aus ihren bislang verborgenen und voneinander getrennten Gruppen und Zirkeln heraus und diskutierten erstmals gemeinsam über den Zustand und die Zukunft ihres Landes.

Die Tagung »Frauenaufbruch ‘89. Was wir wollten – Was wir wurden«, veranstaltet durch die Rosa Luxemburg Stiftung, das Frauenzentrum Paula Panke und den rls-Bildungsverein Helle Panke am 6. Dezember 2009 ließ dieses historische Erlebnis des Frauenaufbruchs ‘89 für die 150 Teilnehmerinnen deja-vu-artig wieder aufleuchten. Etwa in den Reflexionen der Schauspielerin Walfriede Schmitt, die 1989 ihrem Intendanten den großen Theatersaal der Volksbühne für das Frauenspektakel abrang, dort vor den 1 200 Frauen das von Ina Merkel verfasste Manifest für eine autonome Frauenbewegung verlas – und unvermittelt als Vertreterinnen der Frauen am Zentralen Runden Tisch landete. Was bedeutete der Aufbruch von DDR-Frauen damals und wo stehen wir heute? Das historisch Besondere der DDR-Frauenbewegung jener Zeit, so Irene Dölling in ihrem Einführungsbeitrag, war ein im Vergleich zu anderen Ostblockländern einmaliger sozialer Zusammenschluss von Frauen, die mit großem intellektuellen Potenzial und enormer politischer Wirksamkeit Einfluss nahmen auf die demokratische und geschlechtergerechte Erneuerung in jenen Umbruchzeiten.

Irene Dölling spricht von einem ambivalenten Erbe. So gerät der bis heute nachwirkende Emanzipationsvorsprung ostdeutscher Frauen, ihre selbstverständliche Erwerbsarbeitsorientierung als ›weibliches Humankapital‹ unter den Zugriff marktliberaler Effizienslogik. Grenzziehungen zwischen sozial herabgewürdigten Hartz-IV-Empfänger_innen und so genannten Leistungsträger_innen definieren das soziale Oben-Unten-Schema neu. Vor diesem Hintergrund sei es ratsam, so argumentiert Dölling, sich des uneingelösten Erbes der ostdeutschen Frauenbewegung zu vergegenwärtigen, einer Bewegung, die stets eine gesamtgesellschaftliche Perspektive im Sinn hatte und wenig übrig für partikulare Frauenpolitik. Von der ostdeutschen Frauenbewegung sei zu lernen, die soziale und die Geschlechterfrage wieder stärker zu verknüpfen.

Hier knüpft auch Ina Merkel an, wenn sie feststellt, dass die Frauen des damaligen Aufbruchs nicht die typischen Frauenfragen zu ihrem Thema gemacht haben, sondern die ›großen‹ gesellschaftlichen Probleme zu Frauenfragen erklärten. Die Verfasserin des programmatischen Textes »Ohne Frauen ist kein Staat zu machen. Einige Frauen-Fragen an ein alternatives Gesellschaftskonzept oder: Manifest für eine autonome Frauenbewegung«, entstanden in jenen Tagen des Herbstes ‘89, reflektiert in ihrem Beitrag »Was war Utopie und was bleibt?« das enorme emanzipatorische Potenzial, das von der in sich äußerst heterogenen Bewegung von Frauen ausging, und das durch den Unabhängigen Frauenverband in seiner Organisationsstruktur als Dachverband gebündelt werden konnte. Darin bestand seine historische Funktion. Aus dem Beitrag von Ina Merkel spricht insbesondere die Atmosphäre und Dynamik der damaligen Wochen, etwa, wenn sie ihr Gefühl als Sprecherin des UFV am Zentralen Runden Tisch beschreibt: »absolut frei von jedem Bewegungs- oder Parteienzwang« und von jeglicher Gruppenideologie.

Die Tagung »Frauenaufbruch ’89« fiel zeitlich zusammen mit den zahlreichen Gedenkfeiern zum Mauerfall am 9. November 2009. Folglich ging es uns auch um eine besondere Art des Erinnerns. Wir wollten erinnern an das, was in den Mainstream-Feier-Reden unterging: Die Tatsache, dass es damals aus einer geschlechterkritischen Perspektive darum ging, den Zustand dieses Landes zu verändern.

Eine andere Art des Erinnerns spricht auch aus dem Ende 2009 veröffentlichten Text »Aus den friedlichen Küchen der Revolution. Wider die feierliche Verklärung von »Wende« und Mauerfall« der Berliner Frauengruppe »Lila Offensive«, den wir als Dokument zum Thema ebenfalls in diesen Band aufgenommen haben. Die »Lila Offensive« setzt sich kritisch mit einer Reduktion des Erinnerns auf inszenierte Gedenkfeiern auseinander. Sie plädiert für ein Erinnern, »in dem die Licht- und Schattenseiten, die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des Umbruchs von 1989 und des Vereinigungsprozesses in den Jahren danach« sichtbar wird.

In einer besonderen Weise gelingt es Bärbel Klässner, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Lesbenbewegung in der DDR, in ihrem Essay »Was gestern morgen war, ist heute« und ihren Gedichten den Zeitenwechsel 1989 literarisch zu fassen: Ein Zeitfenster feministischen Aufbruchs »zwischen der Illegalität in der DDR und der damit verbundenen Unsichtbarkeit im ›offiziellen‹ gesellschaftlichen Leben […], der Vereinnahmung im Parteienbündnis und der Ankunft in einer westlich pluralistischen Beliebigkeitskultur«. Welche Lebenswege, welche Lebensgefühle gingen durch diese Zeiten? Mit Bärbel Klässner gelingt ein Blick auf uns selbst – in der für jede Einzelne eigenen und kostbaren Zeit.

Aus einer sich gegenseitig spiegelnden Perspektive schildern ostdeutsche Mütter und Töchter in der Gesprächsrunde »Wir wollten alles« ihre persönlichen Emanzipationsansprüche – damals wie heute. Hier schließt die Analyse von Hildegard Maria Nickel an, die aufzeigt, wie junge Frauen aus Ostdeutschland heute in ihren Lebensentwürfen in einer Gratwanderung zwischen ostdeutschem »Gleichstellungsvorsprung « und geschlechtsspezifischen Wertvorstellungen in der alten Bundesrepublik agieren. Die scheinbar alternativlose Fort-Bewegung junger ostdeutscher Frauen als der mobilsten Bevölkerungsgruppe aus ihrem heimatlichen Umfeld an jene Orte, die noch Ausbildungs- und Arbeitsplätze bieten, ist dabei nicht nur als Zeichen positiv konnotierter emanzipativer Selbstverwirklichung dieser Frauen zu bewerten. Vielmehr sollte hier zu denken geben, so Hildegard Maria Nickel, dass eine als freie Wahl stilisierte Lebensentscheidung die Zwänge wirtschaftsliberaler Marktlogiken verdeckt.

Im abschließenden Beitrag des Buches geht es mit Christina Thürmer-Rohr um Veränderungen im feministischen politischen Denken der letzten Jahrzehnte – vor der bzw. durch die Wende 1989. Ihr Rückblick auf die Denk- und Erfahrungswege westdeutscher Feministinnen schließt das ›Konzept der Mittäterschaft‹ ebenso ein, wie die kritische Auflistung der Selbstbeschränkungen feministischen Denkens und Handelns bis in die 1980er Jahre hinein. Die ‘89er Wende stellt in diesem gleichwohl produktiven Ringen eine Zäsur dar. Denn die bis hierher geführten Debatten um feministische Gesellschaftsveränderung, die vielschichtigen Denk- und Handlungswege westdeutscher feministischer Bewegungen, so die streitbare These von Christina Thürmer-Rohr, wurden mit der Wende obsolet, sie schienen faktisch aufgehoben. Die Irritation ost-west-feministischer Begegnungen in der Nachwendezeit mit den von beiden Seiten unerwarteten neuen Missverständnissen und gegenseitigen Fehlinterpretationen kritisch zu reflektieren, gehörte zu den vielen spannenden Momenten der Tagung.

Was bedeutet Re-Politisierung des Feminismus? Diese in die Zukunft gerichtete Frage durchzieht fast alle Beiträge dieses Tagungsbandes. Dabei spannt sich der Bogen von dem Anspruch einer »gesamtgesellschaftlichen Herangehensweise der Frauenbewegung« (Merkel, Manifest für eine autonome Frauenbewegung 1989) der »Re-Politisierung des Feminismus im Sinne einer sozialen Rückbesinnung«
(Nickel), und der »Vitalisierung des Politischen, um eine Rückbesinnung auf die Kraft des Zusammenhandels« (Thürmer-Rohr) bis hin zur Forderung, die »kapitalismuskritische Dimension feministisch-politischen Denkens wieder ins Spiel zu bringen« (Dölling).

Der Frauenaufbruch ‘89 mag vergangen sein, aber, so Christina Thürmer-Rohr resümierend: Alle politischen Bewegungen haben »den Wert eines Beispiels«: Sie können den Mythos widerlegen, dass man nichts gegen eine herrschende Politik machen könne, sie können »beweisen, dass etwas Neues existieren kann«.

Eva Schäfer im Vorwort

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