Mehr Demut wagen

papstDer Papst spricht im Bundestag – und schon zuvor ist die Aufregung so groß, als stünde Deutschland knapp vor der Einführung eines Gottesstaats. Rund 100 Abgeordnete kündigen ihr Fehlen bei der Rede Benedikts XVI. an, 20.000 Menschen werden zu einer Gegendemonstration erwartet.

Wohlgemerkt: Der Papst wurde vom Bundestagspräsidenten eingeladen, er ist Gast der deutschen Volksvertreter – man könnte es als Ehre sehen, beiderseits. Doch Chri­sten tun gut daran, angesichts der Kritik nicht in einen beleidigten Ton zu verfallen, wie er dieser Tage von katholischer Seite oft zu hören ist. Das ist onkelhaft und von oben herab gesprochen – und genau das ist das Problem.

Auch die verbohr­testen Religionskritiker wissen – wenn auch nur unscharf – von dem Wanderprediger Jesu, der zu Fuß bei einfachen und belächelten Menschen einkehrte. Der Papst hingegen fliegt mit großem Gefolge ein, schüttelt die Hände von Kanzlerin und Ex-Kanzler, trifft religiöse Führer und zelebriert prachtvolle Massen-Messen. Obdachlose, Flüchtlinge, Arbeitslose spricht er nicht an.

Wem das zu gefühlig ist, der vergisst, dass das Evangelium kein Dogmatik-Lehrbuch ist. Gott spricht zu den Herzen der Menschen. Doch in den Debatten um die richtige Nähe oder Distanz von Kirche und Staat haben katholische wie evangelische Bischöfe zu oft die ungläubigen Zweifler belehrt und zurechtgewiesen – das kann nur schiefgehen.

Würden sie in Demut für die Sache Jesu arbeiten, auf Augenhöhe, mit Verständnis oder Liebe gar zu ihren Kritikern – auch den härtesten Atheisten würde das nicht unbeeindruckt lassen. Wer weiß, vielleicht wartet der eine oder andere von ihnen sogar darauf. Es würde mehr über die Gegenwart Christi sagen als ein Stadion-Gottesdienst.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]