Vorleben statt predigen

Überschattet von Trauer begehen die Christusträger in Wilsdruff ihr Jubiläum

Die Brüder Felix, Martin und Jörg vor der Wilsdruffer Jakobikirche (v. l.): Seit zehn Jahren arbeiten die Christusträger in Sachsen – erst in Meißen und seit einigen Jahren in Wilsdruff. (Foto: Steffen Giersch)

Die Brüder Felix, Martin und Jörg vor der Wilsdruffer Jakobikirche (v. l.): Seit zehn Jahren arbeiten die Christusträger in Sachsen – erst in Meißen und seit einigen Jahren in Wilsdruff. (Foto: Steffen Giersch)

Nie zuvor hat sich den Christusträgern die Begrenztheit des menschlichen Lebens so aufgedrängt. Ihr Bruder Siegbert ist in Afghanistan eines gewaltsamen Todes gestorben.

Trotzdem wirkt Bruder Martin, mit bürgerlichem Namen Werner Reinhuber, zurückhaltend und gefasst. Nein, sagt er, Verzweiflung empfinde er nicht. »Tiefe Traurigkeit, das ja. Es ist hart für mich. Aber Bruder Siegbert hat ein reiches, erfülltes Leben gehabt. Ich glaube, Gott ist im Gelingen dabei wie auch im Scheitern und Sterben.«

Vor reichlich zehn Jahren sind vier Brüder der evangelischen Christusträger-Bruderschaft Triefenstein nach Sachsen gekommen. Sie haben einiges bewegt in Meißen und Wilsdruff. »Bewegen konnten wir das nur mit anderen offenen Menschen, die wir hier gefunden haben«, sagt Werner Reinhuber. Sie leben wie Mönche – ehelos, besitzlos und im Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft –, doch nicht zurückgezogen hinter Klostermauern.

»Bei Besuchen in Jugendclubs sind mir Arbeitslosigkeit und Resignation begegnet wie ich sie nie vorher kannte«, erzählt er. So entstand aus seiner Initiative und dem Zusammenschluss von Kirchgemeinde, Kommune und Unternehmen 2002 die Stiftung »Leben und Arbeit«. Sozial schwierige Jugendliche werden mit ihrer Hilfe in Arbeitsprojekten begleitet. Beispielsweise auf dem rund 500 Jahre alten Rittergut Limbach unweit von Wilsdruff.

Dort in der Schlosserei arbeitet auch Bruder Jörg, 63 Jahre alt. »Inzwischen haben wir ein Netzwerk von Firmen, in denen sie Praktika absolvieren«, sagt Reinhuber. Einer der Betreuten hat dadurch einen unbefri­steten Arbeitsvertrag bei einer Furnier-Firma in Kesselsdorf bekommen. Drei andere sind von einer Computerfirma als Lehrlinge übernommen worden. »Es gibt natürlich auch Abbrüche«, sagt Reinhuber. »Es hat keinen Sinn, wenn einer von Alkohol oder Drogen nicht loskommt. Da müssen wir ihn unfertig weiterschicken.«

Neuestes Mitglied ist Bruder Felix (58), gelernter Gärtner aus Zürich. Seit Anfang des Jahres lebt er mit in der Gemeinschaftswohnung im katholischen Pfarrhaus in Wilsdruff. Tätig ist er im Schülertreff. Der ist wochentags von 11 bis 16 Uhr geöffnet für Jungen und Mädchen, die nach der Schule auf den Bus warten müssen. Zwischen 20 und 40 Kinder finden dort eine sinnvolle Beschäftigung.

Ihr geistliches Leben verstehen die Christusträger als Einladung. Etwa ihre festen Gebetszeiten wochentags 6 und 18 Uhr, sonnabends 8 und 18 Uhr. Morgens sitzen jetzt in der 860 Jahre alten romanischen Jacobikirche in Wilsdruff, die zugleich Autobahnkirche ist, gelegentlich zwei Handwerker neben den Brüdern.

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]