Bunt, frei und willig

Der Zivildienst ist Geschichte – und nur spärlich melden sich bei der Diakonie Interessenten für den neuen Bundesfreiwilligendienst. Tobias Eichelmann ist einer der Ersten.

Tobias Eichelmann hilft Wolfgang Arnold im »Schwanenhaus«, dem Altenzentrum der Diakonissenanstalt Dresden. Der junge Mann ist einer der ersten Teilnehmer des Bundesfreiwilligendienstes in Sachsen. (Foto: Steffen Giersch)

Tobias Eichelmann hilft Wolfgang Arnold im »Schwanenhaus«, dem Altenzentrum der Diakonissenanstalt Dresden. Der junge Mann ist einer der ersten Teilnehmer des Bundesfreiwilligendienstes in Sachsen. (Foto: Steffen Giersch)

Der Frühdienst beginnt für Tobias Eichelmann 6 Uhr. Dann muss der 20-Jährige die Pflegebedürftigen wecken und sie ins Bad führen. »Einige können noch manches selbständig. Anderen muss ich beim Zähneputzen oder Anziehen helfen.« Anstrengend sei diese Arbeit schon, gibt der kräftig gebaute junge Mann zu.

Noch im vergangenen Jahr hatte es so ausgesehen, als käme er um alles herum. Seine Malerlehre hatte er abgeschlossen. Da erhielt er die Vorladung zur Musterung. Schon vorher hatte er sich für Zivildienst entschieden. »Einen Tag später kam die Nachricht, Wehrpflicht und damit Zivildienst seien ausgesetzt.« Verzichten aber wollte er nicht.

Dann eben Bundesfreiwilligendienst, sagte sich Tobias Eichelmann. »Ich wollte in die Altenpflege. Wenn man eine Wand malert, kriegt man nichts zurück. Die alten Menschen aber sagen auch mal danke. Das macht mir mehr Freude.« Am 1. September hat er im »Schwanenhaus«, dem Altenzentrum der Dresdner Diakonissenanstalt, begonnen.

Schwester Anke Michler, die Pflegedienstleiterin, ist froh. Früher hätten sie zwei Zivildienstleistende gehabt. Im vergangenen Jahr keinen mehr.

»Wir waren skeptisch, ob sich überhaupt jemand bewirbt«, sagt sie. Ob Zivi oder Bundesfreiwilliger (abgekürzt »Bufdi«) – die Aufgaben seien dieselben geblieben: Die Begleitung, für die dem Fachpersonal die Zeit fehlt. Der wichtigste Unterschied aber: »Zivis waren fast immer Abiturienten, jedenfalls junge Leute.« Nun ist ihr zweiter Bufdi ein Mann über 40, der zuvor arbeitslos war. »Da müssen wir uns auch auf Menschen einstellen, die lange keinen regelmäßigen Arbeitsrhythmus hatten.« Doch wer sich für diesen Dienst entscheide, komme mit hoher Motivation. »Er hätte ja etliche andere Möglichkeiten.«

Die Türen eingerannt haben Freiwillige den Einrichtungen der sächsischen Diakonie nicht gerade. 53 Bun­des­frei­willige waren es per 1. September insgesamt, wie Diakonie-Sprecherin Sigrid Winkler sagt. 26 von ihnen sind älter als 27 Jahre. Die Zahl könne sich aber von Monat zu Monat ändern. Denn auch das ist neu: Bufdis können jederzeit anfangen.

Hinzu kommen 95 Jugendliche, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren. Macht zusammen 148 zusätzliche Helfer. Zum Vergleich: Zuvor beschäftigten Einrichtungen der Diakonie in Sachsen zwischen 500 und 600 Zivildienstleistende jährlich.

Eine Katastrophe in den Pflegeeinrichtungen habe das nicht ausgelöst, sagt Sigrid Winkler. »Sie haben sich ja langfristig darauf einstellen können. Außerdem waren Zivis Ergänzung. Sie sollten keine Fachkräfte ersetzen.«

Ein »Bildungsjahr, das Freiräume, Entfaltungs- und Experimentiermöglichkeiten bietet«, bekämen FSJ-ler oder Bufdis, sagt Christian Schönfeld, Direktor der sächsischen Diakonie. Wertvolle Qualifikationen und soziale Kompetenzen könnten sie erwerben. Das Bundesfreiwilligendienstgesetz schreibt 25 Tage Seminare in diesem einen Jahr fest.

Nun kommen in der Regel hoch Motivierte. Das war beim Zivildienst, der ja die Alternative zum militärischen Zwangsdienst war, nicht unbedingt der Fall. Die Kehrseite allerdings: Mancher junge Mann, der noch nicht entschieden war oder andere Lebenspläne hatte, entdeckte beim Zivildienst seine Ader für einen sozialen Beruf.

Sigrid Winkler hat von einem aus Chemnitz erfahren, der ursprünglich in die Autobranche gehen wollte. Nun wird er Krankenpfleger. Glücksfälle seien das, sagt sie. »Die kriegen wir nun allerdings nicht mehr.«

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]