Taufe? Warum nicht!

DSC_8404Mit kritischem Blick prüft Hanna das Taufwasser, das über den Kopf ihrer Mutter Nora Kronfeld rinnt. Die Einjährige sitzt auf deren Arm. Als Pfarrer Markus Deckert auch das Mädchen mit Taufwasser benetzt, befühlt die Kleine mit den Händen ihren Kopf: Was ist hier los?

Es ist Tauf-Fest, das in der mit roten Schleifen geschmückten Martinskirche von Plaußig wie überall im Kirchenbezirk Leipzig am 18. September gefeiert wurde – in der übrigen sächsischen Landeskirche wird es erstmals am 9. Oktober begangen.

Nora Kronfeld (32) und ihre Tochter Hanna sind nicht die einzigen Täuflinge in der Dorfkirche Plaußiger. Auch ihre Kinder Julius, Alma und Hellen werden feierlich in die Kirche aufgenommen. »Wir sind angekommen«, sagt die Mutter in ihrem Gebet. »Gott möge Kraft und Zuversicht schenken, dass die Kinder Dich im Herzen tragen.«

Es war ein langer Weg bis dahin. Die Landeskirche hatte in ihrem »Jahr der Taufe« das Tauffest lange vorbereitet mit Materialien für Mitarbeiter und mit einer Plakatkampagne. Die Pfarrer ermutigte sie, Gemeindeglieder einzuladen, deren Kinder und Partner noch nicht getauft sind.

Und so klingelte Markus Deckert eines Tages auch bei Familie Kronfeld. »Ich wollte ihnen keinen Vorwurf machen – sondern das Fest zum Anlass nehmen, einmal über die Taufe nachzudenken«, sagt der Plaußiger Pfarrer.

Deckert weiß, dass die Taufe im Säuglingsalter auch in christlichen Familien längst nicht mehr selbstverständlich ist. Er wollte als Nachbar kommen, nicht als Amtsperson – und stieß bei seinen 35 Besuchen auf freundliche Aufgeschlossenheit.

So wie bei Kronfelds. Vater Johannes Kronfeld ist Christ, seine Frau Nora nicht, doch besucht sie mit ihren Kindern Familien-Gottesdienste. Der Gedanke an eine Taufe wuchs schon seit längerem in ihnen. »Aber wäre das Tauf-Fest nicht gewesen, hätten wir es weiter verschoben«, sagt Johannes Kronfeld.

Über die 84 Kinder- und 17 Erwachsenen-Taufen allein am vorgezogenen Leipziger Tauf-Fest freut sich Landesbischof Jochen Bohl außerordentlich. »Ich erhoffe mir auch vom 9. Oktober, dass Menschen, die zögerlich waren, diesen Impuls aufnehmen.«

Das scheint vielerorts gelungen zu sein. Auch wenn einige Kirchgemeinden nicht teilnehmen und nach dem Kirchentag kampagnenmüde sind, werden doch in allen Regionen Sachsens an diesem Sonntag solche Feste gefeiert.

Die 4000 Tauf-Medaillen aus Meißner Porzellan, die die Landeskirche als Geschenk für Täuflinge herstellen ließ, sind bereits restlos vergriffen – sie musste 1000 Stück nachbestellen.

»In den Kirchenvorständen und Kirchenbezirken sprechen die Menschen über die Taufe wie lange nicht«, sagt Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer, der die Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des Festes leitet. Er kündigt an, dass es ein solches Tauf-Fest künftig aller zwei oder drei Jahre geben soll.

Heika Richter ließ sich zum Tauffest des Kirchenbezirks Leipzig am 18. September in der Martinskirche im Leipziger Ortsteil Plaußig von Pfarrer Markus Deckert taufen. (Fotos: Armin Kühne)

Heika Richter ließ sich zum Tauffest des Kirchenbezirks Leipzig am 18. September in der Martinskirche im Leipziger Ortsteil Plaußig von Pfarrer Markus Deckert taufen.
(Fotos: Armin Kühne)

Draußen vor der Plaußiger Dorfkirche regnet es an jenem Septembersonntag. Das Willkommens-Fest der Kirchgemeinde im Pfarrgarten muss im Zelt stattfinden.

Für die 40-jährige Heika Richter ist der Tage ihrer Taufe dennoch ein ganz besonderer. In der Familie ihres Lebenspartners hatte sie den christlichen Glauben kennen gelernt, die Gemeinschaft, den Lebensmut. Nach einem persönlichen Tief entschloss sie sich: »Ich will das für mich auch entdecken.« Den Segen Gottes, wie er ihr bei der Taufe zugesprochen wird, will die Heilerziehungspflegerin in sich aufnehmen. »Ich hoffe, damit etwas zu haben, worauf ich bauen kann.«

Die Taufen dieses Sonntags, die Besuche und Gespräche sind für Pfarrer Markus Deckert kein Endpunkt – sondern ein Anfang. Und eine bleibende Aufgabe für seine Gemeinde.

Uwe Naumann und Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]