Einsame Entscheidung

Zwei Schwestern und ein feiner Unterschied: Nora (l.) hat – anders als Katie (r.) – das Down-Syndrom. Die allermeisten Eltern entscheiden sich bei frühzeitiger Diagnose für die Abtreibung.

Zwei Schwestern und ein feiner Unterschied: Nora (l.) hat – anders als Katie (r.) – das Down-Syndrom. Die allermeisten Eltern entscheiden sich bei frühzeitiger Diagnose für die Abtreibung.

Die moderne Medizin stellt Schwangere vor eine quälende Zerreißprobe – und lässt sie allein: Soll ihr behindertes Kind leben oder sterben?

Ihr Kind ist noch nicht geboren, schon wird es vermessen. Die weiße Sonde des Ultraschallgeräts fährt Katja Siebert (Name geändert) über den Bauch. Auf dem Bildschirm in einer Dresdner Spezialpraxis für vorgeburtliche Untersuchungen scheint weiß auf schwarz das Bild ihres zwölf Wochen alte Kindes auf.

Der Arzt überzieht es im Computer mit Linien und rechnet. Dann sagt er: »Frau Siebert, die Nackenfalte ist ganz schön groß bei ihrem Kind. Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent, dass es ein Kind mit Down-Syndrom ist.«

Katja Siebert weint. Ungewollt schwanger, gerade getrennt von ihrem Partner – jetzt diese Botschaft. »Ich verdrängte das«, sagt sie. »Und ich hatte Angst, mich über das Kind zu freuen. Ich wollte keine Bindung aufbauen.«

Dieses Niemandsland zwischen Hoffnung und Furcht ist längst zur Normalität geworden für viele Schwangere in Deutschland. Nur 15 Prozent der Frauen verzichten auf eine vorgeburtliche Untersuchung ihres Kindes, fand eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) 2006 heraus.

73 Prozent der befragten Schwangeren meinten, dass die so genannte Pränatal-Diagnostik für sie wichtig sei, »um sich im Falle einer Behinderung für oder gegen einen Abbruch der Schwangerschaft zu entscheiden«.

Ein neuer Gen-Test könnte dies künftig noch einfacher machen.

Bei der zweiten Ultraschall-Untersuchung in der schicken Dresdner Praxis eine Woche später kann Katja Siebert auf einem großen Bildschirm ihr Kind wie auf einem Foto sehen: Das Gesicht, die Augen, die Nase. Wieder ist die Nackenfalte zu groß, ein Hinweis auf das Down-Syndrom.

Der Arzt sagt: »Sie haben noch die Möglichkeit einer Fruchtwasseruntersuchung, dann haben sie Gewissheit.«

Er erklärt ihr das Risiko – in bis zu einem Prozent der Fälle kann diese Methode zum Tod des Kindes führen.

Er erklärt ihr viel Medizinisches – die junge Frau empfindet es als Ermutigung, dass die Untersuchung die richtige Entscheidung ist.

Doch was, wenn dabei herauskommt, dass ihr Kind behindert ist? Wie soll sie sich entscheiden – über Tod und Leben?

Darüber spricht der Frauenarzt mit seiner Patientin nicht.

Das scheint der Normalfall zu sein: Nicht einmal 25 Prozent der befragten Frauen in der BzgA-Studie gaben an, von ihrem Arzt zuvor über das psychische und moralische Konfliktpotential ausführlich informiert worden zu sein – und auch nicht über die Beratungs- und Hilfsangebote, die es durchaus gibt.

Dabei empfiehlt die Bundesärztekammer genau dies. Doch Mediziner klagen: Über alle Aspekte aufzuklären sei in der Kürze der Zeit unmöglich.

Es geht auch um Geld: Die Beratung wird von den Krankenkassen nicht extra vergütet – während viele Schwangere für vorgeburtliche Diagnostik durchaus bereit sind, extra zu bezahlen.

Am Ende bleiben sie allein mit ihrer Entscheidung. Allein mit dem Druck, mit dem Schock. Da erst, in der Praxis und unter Tränen, denkt Katja Siebert: »Wenn das Kind krank ist, werde ich es nicht behalten.«

Sie muss an ihre Freunde denken, die ein behindertes Kind haben, an das Gaffen der Leute auf der Straße, an den Marathon aus Therapien, an die Operationen des Kleinen, das Bangen um sein Leben. Und daran, dass sie selbst ganz allein wäre, ohne Mann.

90 Prozent der Eltern in Deutschland, die vor der Geburt die Diagnose »Down-Syndrom« erhalten, entscheiden sich gegen ihr Kind.

Es folgen die schlimmsten sechs Minuten in Katja Sieberts Leben: Die Entnahme von 20 Milliliter Fruchtwasser aus ihrem Bauch. Und die schlimm­sten 24 Stunden – bis der erlösende Anruf kommt. Ihr Kind ist gesund. Ein knappes Jahr später streicht sie über das goldblonde Haar ihrer Tochter. Die quietscht vergnügt und lacht aus strahlend blauen Augen.

Das Leben hat gewonnen, für dieses Mal.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]