Unser Sonnenschein

Michael liebt das Spielen mit Luftballons und Bällen. Er wirft geschickt, fängt sicher – und freut sich ausgelassen, wenn es gelingt. Er überstrahlt damit für seine Eltern auch manche schweren Zeiten.	(Foto: Steffen Giersch)

Michael liebt das Spielen mit Luftballons und Bällen. Er wirft geschickt, fängt sicher – und freut sich ausgelassen, wenn es gelingt. Er überstrahlt damit für seine Eltern auch manche schweren Zeiten. (Foto: Steffen Giersch)

Michael kann vieles nicht: Sprechen, schreiben, lesen. Doch kaum ein Mensch kann sich so freuen wie er, sagen seine Eltern. Eine Abtreibung kam für sie nie in Frage.

Es waren die ernsten Blicke der Schwestern und Ärzte im Kreißsaal, die Matthias Kaube als erster bemerkte. Gerade hatte seine Frau ihren dritten Sohn zur Welt gebracht, ihr Mann erlebte zum ersten Mal eine Geburt. Da war nur Freude. Am nächsten Tag überbrachte die Oberärztin die Diagnose: Down-Syndrom, das Kind hat eine Behinderung.

»Die Ärzte hatten mir vor der Geburt angeboten, das Kind schon im Bauch untersuchen zu lassen«, erinnert sich Ingrid Kaube. Doch die gelernte Krankenschwester und Pfarrfrau lehnte ab. Eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage, Michael war ein Wunschkind, an eine Behinderung dachte sie nicht.

Es war im Advent 1990, die Kerzen brannten und die Menschen um Kaubes herum waren in Vorfreude auf Weihnachten, als Michael ankam. Und mit ihm Sorgen und Ängste für seine Eltern – und eine Erkenntnis, die in ihren Herzen wuchs: »Gott weiß, warum Michael so ist«, sagt Pfarrer Matthias Kaube. »Er wird uns noch zum Segen werden.«

Michael ist jetzt 20. Vertieft in seine Aufgabe fügt er hölzerne Puzzle-Teile zu einem Elefantenbild. Dann setzt er sich zu seinen Eltern im Pfarrhaus von Auerswalde bei Chemnitz auf das Sofa und blättert im Fotoalbum seines Lebens. Behutsam betastet er die Bilder. Er prustet vor Freude. Wie oft er die Erinnerungen auch ansieht – aus dem jungen, kleinen Mann bricht immer wieder ein Lachen hervor. »Unsere nicht-behinderten Kinder haben sich nie so gefreut«, sagt sein Vater. »Er ist der Sonnenschein der Familie.«

Überstrahlt hat er damit die dunklen Zeiten: Die zwei Operationen an seinem Herzen, bei denen sein Überleben keineswegs sicher war, die unendlich vielen Besuche bei Therapeuten, das viele Üben – und die Rückschläge. In seiner Kindheit konnte Michael immerhin »Banane« sagen, die liebt er. Jetzt spricht er nicht mehr.

Sie geben Michael Rückenwind für sein Leben: seine Eltern Ingrid und Matthias Kaube. (Foto: Steffen Giersch)

Sie geben Michael Rückenwind für sein Leben: seine Eltern Ingrid und Matthias Kaube. (Foto: Steffen Giersch)

»Jetzt könnte mein Michael studieren – dieser Gedanke kommt immer wieder hoch«, sagt seine Mutter. Doch dann sieht sie seine eigenen Erfolge. Mit geübten Handgriffen schält er in der Küche eine Gurke für das Abendbrot. Und draußen im Garten wirft er präzise hohe Bälle mit der Hand, fängt sie auf, die Zunge konzentriert zwischen die Lippen gepresst. Stolz wippt Michael hin und her.

Dieses Gefühl ist nicht selbstverständlich. Das hat Manuela Herrmann (Name geändert) von ihrer elf Jahre alten Tochter gelernt. Auch sie wird von ihrer Mutter »Sonnenschein« genannt, auch sie hat das Down-Syndrom. Schlimmer als die Blicke auf der Straße war für die 41-jährige Chemnitzerin der zwei Jahre währende Kampf, bis ihre Tochter an einer normalen Schule lernen durfte. Dabei garantiert ihr dies die UNO-Konvention für die Rechte behinderter Menschen.

»Mir war klar, dass meine Tochter keinen Hauptschulabschluss machen kann«, sagt Manuela Herrmann. »Aber sie liest Bücher, kann schreiben, wenn auch nicht alles richtig – und ist fröhlich, lebhaft und sehr sozial.«

Nachmittags kommt Michael aus der Förderschule für geistig Behinderte in Frankenberg nach Hause. Vor dem Kaffeetrinken zündet sein Vater eine Kerze an und betet: »Herr, wir danken dir für deine Liebe, aus der wir leben.« Michael lacht laut und dreht den Kopf hin und her.

Kurz nach seiner Geburt hatte eine Ärztin zu Ingrid Kaube gesagt: »Sie hätten sich das alles ersparen können, warum haben Sie keine vorgeburtliche Untersuchung gemacht?« Damals dachte das Pfarrersehepaar an die Theorie: Dass jeder Mensch wertvoll ist von Anfang an, dass er von Gott geliebt wird ohne alle Leistung. »Jetzt«, sagt Matthias Kaube, »wissen wir das auch praktisch.«

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]