Beiträge zur Geschichte einer pluralen Linken

Geschichte entsteht in und durch ihre Vermittlung. So lautet etwas verkürzt die (postmoderne) These, Geschichtswissenschaft sei nicht die Darstellung historischer Ereignisse, sondern die Zusammenfassung des zeitgenössischen Redens über die Vergangenheit. »Geschichte« sei sozusagen eine Erfindung, sie besitze keine Wahrheit, die erst entdeckt werden muss, die einfach angewendet werden könne, sondern sei vor allem Diskurs. Nach dieser Logik gibt es keinen unverbrüchlichen Kanon, keine Geschichte »der« Linken. In der Tat: Was zur Tradition, was zum Kanon gehört, ist und war in der Linken immer ein heiß diskutiertes Thema und verweist auf den unauflösbaren Zusammenhang von Vergangenheit und politisch aufgeladener Gegenwart. Historische und geschichtspolitische Themen belegen bei Umfragen unter den TeilnehmerInnen von Veranstaltungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) nach ihren bevorzugten Themen immer die ersten Ränge. Dementsprechend umfangreich ist das Bildungsangebot der RLS in diesem Bereich. Nicht zuletzt bestimmen geschichtspolitische Themen auch die Tagespolitik, erinnert sei nur an die sogenannte Kommunismusdebatte oder die jüngsten Diskussion anlässlich des 50. Jahrestags des Baus der Berliner Mauer.

Mit dieser Broschüre legen wir nun nicht Beiträge zu einer allgemeinen geschichtspolitischen Debatte vor, sondern richten unser Interesse auf die Linke und ihre Wurzeln, die Geschichte ihrer Ideen und Praxen. Geschichte hat für viele in hohem Maße eine identitätsstiftende Funktion im Sinne des Bewahrens von Traditionslinien. Aus unserer Sicht ist es immer noch wünschenswert, diese zusehends zu einer identitätsüberprüfenden Funktion weiter zu entwickeln. Das Verhältnis von legitimer Bewahrung von Traditionslinien bei gleichzeitig kritischem, analytisch orientiertem Umgang mit ihnen ist eine andauernde Herausforderung. Über 18 Monate sind seit dem Erscheinen der ersten beiden Bände der »Beiträge zur Geschichte einer pluralen Linken« vergangen. Im Sommer 2010 veröffentlichen wir im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Gesprächskreis Geschichte der RLS zwei Broschüren, die sich den sozialen Bewegungen und linken Strömungen vor (Bd. 1) und nach (Bd. 2) dem Jahr 1968 widmen.

Diese Broschüre sieht sich als Ergänzung und Fortsetzung der bisherigen Publikationen der RLS zur Geschichte der Linken und will zwischen akademischem Wissen und Bewegungspraktiken übersetzen und vermitteln. Sie ist ausdrücklich als Einführung gedacht und soll zur weiteren Befassung mit den in ihr dargestellten Themen motivieren. Auch wenn wir uns bemüht haben, die linke Tradition in ihrer Vielfältigkeit abzubilden, ist uns bewusst, dass selbst drei Broschüren nicht alle Aspekte dieses weitläufigen Feldes abdecken können. Wichtig ist uns, dem starken Gewicht, das kollektive und soziale Rechte im Denken und Handeln der Linken haben, gleichrangig individuelle und Freiheitsrechte zur Seite zu stellen. Dementsprechend haben wir auch in diesem Band sehr unterschiedlicher Aspekte linker Praxen zusammengetragen. So reicht das Feld von der Behindertenbewegung bis zu Parteien wie der DKP oder den Demokratischen Sozialisten. Hinzu kommen einzelne ideengeschichtliche Artikel, etwa zur Geschichte der Wirtschaftsdemokratie. Anders als in den ersten beiden Bänden haben wir uns diesmal nicht auf einzelne Zeitabschnitte beschränkt. So findet sich hier ebenso ein Beitrag über das in den frühen 1930er Jahren veröffentliche »rote Gewerkschaftsbuch« wie über die zeitgenössische »Recht auf Stadt«-Bewegung. Wir wünschen viel Spaß und Erkenntnisgewinn bei der Lektüre.

(Vorbermerkungen von Marcel Bois und Bernd Hüttner)

Inhalt:

Marcel van der Linden
Sozialer Protest in der Geschichte – ein Überblick

BEWEGUNGEN

Arno Klönne:
Der Widerstand der Arbeiterbewegung gegen den Nationalsozialismus 1933 – 1945

Birgit Rothenberg, Swantje Köbsell:
Die emanzipatorische Behindertenbewegung

Jan Ole Arps:
Als aus Studenten Arbeiter wurden
Revolutionäre Betriebsarbeit in Deutschland seit den 1970er Jahren

Detlef Grumbach:
Die Linke und »das Laster«? – Geschichte und Perspektive linker Schwulenpolitik

Philip Bedall, Mona Bricke, Selana Tzschiesche:
Klima- und Energiekämpfe

Marcel Bois, Christine Buchholz:
Der belagerte Kapitalismus
Eine kurze Geschichte der globalisierungskritischen Bewegung

Murat Çakır:
Ein Hoch auf die internationale Solidarität?
Über die migrantischen Selbstorganisationen der türkeistämmigen und kurdischen MigrantInnen

Peter Birke:
Zurück zur Sozialkritik
Von der »urbanen sozialen Bewegung« zum »Recht auf Stadt«

PARTEIEN

Georg Fülberth:
Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP)

Klaus-Dieter Heiser:
Zur Geschichte der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW)

Manfred Coppik:
»Es ist nicht alles schlecht, was scheitert«: Demokratische Sozialisten (1982 – 1991)

IDEEN

Stefan Müller:
Kommunistische Gewerkschaftspolitik zwischen Tradition und Momentaufnahme:
Das rote Gewerkschaftsbuch (1932)

Burghard Flieger:
Betriebe in Belegschaftshand
Ideengeschichte und Erklärungen der fehlenden Umsetzung produktivgenossenschaftlicher Unternehmen in Deutschland

Ralf Hoffrogge:
Vom Sozialismus zur Wirtschaftsdemokratie?
Ein kurzer Abriss über Ideen ökonomischer Demokratie in der deutschen Arbeiterbewegung

Marcel Bois, Bernd Hüttner:
Standard- und Überblickswerke zur Geschichte »der Linken«

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