Inventur der Gebäude

20 Gemeinde sind aufgefordert, ihren Gebäudebestand aufzulisten – und die Kosten für deren Erhaltung. Denn immer wieder gibt es etwas instand zu halten.

20 Gemeinde sind aufgefordert, ihren Gebäudebestand aufzulisten – und die Kosten für deren Erhaltung. Denn immer wieder gibt es etwas instand zu halten.

Kirchgemeinden in Sachsen sollen nicht finanzierbare Gebäude in den kommenden Jahren abgeben. Dazu hat das Landeskirchenamt ein Modellprojekt gestartet.
 

Was seinen Bestand an Gebäuden betrifft, könnte das Kirchspiel Radeberger Land (Kirchenbezirk Dresden Nord) als reich gelten. Sechs Kirchen, ein Gemeindezentrum, drei Gemeindehäuser, fünf Nebengebäude, zwei große Scheunen, sechs Pfarrhäuser, drei Pfarrwohnungen. »Aber eine der Wohnungen befindet sich in einem alten Barockhaus«, sagt Pfarrer Thomas Slesazeck. »Das müsste saniert werden. Doch die Kosten dafür werden wir durch Miete nie wieder reinholen.«

Immerhin hat das Kirchspiel fast 4000 Mitglieder. Anders die Großgemeinde Mölbis (Leipziger Land). Acht Kirchen besitzt sie, zwei Pfarrhäuser und eine ehemalige Kirchschule – und hat nur 450 Mitglieder.Ob sie sich ihre Gebäude überhaupt leisten können – diese Frage hat noch niemand gestellt. Jedenfalls öffentlich nicht.

Doch in den kommenden Jahren werden sich alle sächsischen Kirchgemeinden fragen müssen, wie ihre Gebäude zu finanzieren sind.

Höchste Zeit für ein Umdenken, meint Oberlandeskirchenrat Jörg Teichmann, Dezernent für Grundstücke und Bau im Landeskirchenamt. Rund 4500 Gebäude gibt es insgesamt, etwa 1600 davon sind Kirchen und Kapellen.

Der weitaus größte Teil der Kirchen ist vor 1933 gebaut. Damals hatte die Landeskirche rund 4,7 Millionen Mitglieder. Jetzt sind es noch 770.000. Und 2040 könnte die Zahl auf 460.000 gesunken sei – etwa zehn Prozent von 1933, rechnet Teichmann vor. »Die Kirchen aber stehen noch zu hundert Prozent.«

Das Bauvolumen ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Von rund 61,5 Millionen 2008 auf etwa 26 Millionen in der ersten Hälfte dieses Jahres. »Und in den Bauanträgen werden die Eigenmittel der Gemeinden immer geringer.«

Bislang konnten staatliche Fördermittel das noch auffangen. »Aber in Bund und Land spricht man offen von einem mittelfristigen Abschmelzen der Fördermittelhöhe. Und die Landeskirche kann das durch höhere Zuschüsse nicht kompensieren.«

Angesichts dessen gibt es für Jörg Teichmann nur eine Lösung: »Wir müssen an den Gebäudebestand ran.«

Das Landeskirchenamt hat dafür jetzt einen Versuch gestartet. 20 repräsentativ ausgewählten Gemeinden hat es angeboten, dass Baupfleger sowie Mitarbeiter von Bau- und Finanzdezernat als eine Art Dienstleister ihre Gebäude erfassen und die Kosten für deren Erhaltung errechnen. Als eine Art Fahrplan dafür haben sie einen »Leitfaden zur Erstellung eines kirchgemeindlichen Gebäudekonzeptes« geschrieben.

Ein Entwurf, der voraussichtlich bis Ende Jul 2012 erprobt werden soll.

Dessen Kernpunkt ist nichts weniger als ein grundlegender »Paradigmenwechsel«, sagt Jörg Teichmann. »Unseren bisherigen Grundsatz, kirchgemeindliche Gebäude auf Biegen und Brechen zu erhalten und zu behalten, geben wir auf. Von Gebäuden, die eine finanzielle Belastung darstellen, müssen wir uns trennen.«

Neu ist, dass für jedes einzelne Gebäude durchgerechnet werden soll, was dessen Erhaltung kostet, bis hin zu ausreichenden Rücklagen für die Sanierung.

Letztlich sollen die Gemeinden ihre Mittel auf jene Gebäude konzentrieren, die sie unbedingt brauchen. »So, dass der Kernbereich der kirchgemeindlichen Arbeit nachhaltig gesichert wird.« Am schwierigsten werde das bei den Kirchen, so Teichmann. »Denn die sind unser Tafelsilber.«

Aber es bleibe bei dem Grundsatz: »Kein Verkauf von Kirchen.«

Erstmals aber sollen die Gemeinden diese in drei Kategorien einteilen: erstens in zwingend zu erhaltende; zweitens in nicht unbedingt notwendige, aber als Gottesdienststätten gut zu nutzende, und drittens schließlich diejenigen, für deren Erhaltung das Geld der Gemeinde nicht reicht. Diese sollen stillgelegt und nur noch notdürftig gesichert werden.

Doch welche soll es in der Gemeinde am Ende sein? »Das wird wohl für die größten Zerwürfnisse sorgen.«

Die jetzt laufende Versuchsphase in einzelnen Gemeinden stellt so etwas wie eine kleine Inventur dar. Irgendwann in den nächsten Jahren muss die ganz große für alle Gemeinden folgen. Da ist sich Jörg Teichmann sicher. Wie sie ausgehen wird, ob sich Gemeinden als praktisch überschuldet erweisen, das könne derzeit niemand wissen.

Teichmann schätzt, dass sich für ein Drittel der Gebäude – Kirchen nimmt er ausdrücklich aus – die finanzielle Lage als schwierig darstelle. Wie viele Gebäude abgegeben werden müssen, sei derzeit offen. »Aber ein paar hundert dürften es sein, sonst tritt ja kein Entlastungseffekt ein.«

Gebäude, die die Gemeinde als Versammlungsort brauche, müssten erhalten werden, egal wie, sagt Pfarrer Thomas Slesazeck. »Aber bei Nebenräumen haben wir schon überlegt, sie loszuwerden.«

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]