Was ist lutherisch?

Was ist lutherisch 

Ein Lutherdenkmal in Chile, charismatische Frömmigkeit und die Freiheit eines Christenmenschen – Gedanken zum Reformationsfest.

 
Was ist daran lutherisch?« fragte ich mich am Reformationstag 2002, als im Armenviertel Huechurraba im Nordosten Santiagos de Chile eine Lutherbüste feierlich enthüllt wurde auf dem gerade umbenannten Reformationsplatz (Plaza de la Reforma). Weit und breit gibt es in der Nähe keine lutherische Gemeinde – und doch wurde dieser Ort ausgesucht. Und mit Hilfe der beiden chilenischen lutherischen Kirchen und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) konnte die Lutherbüste eingeweiht werden.

Viel Prominenz war anwesend. Sogar ein Minister war gekommen. Natürlich waren Vertreter der beiden lutherischen Kirchen da. Die Mehrheit bildeten aber die sogenannten Evangélicos. Das sind Pfingstler, Charismatiker, Baptisten, Methodisten, Presbyterianer. Sie standen mit ihren Gemeindefahnen da. Und zum Schluss sangen alle zusammen: »Castillo fuerte es nuestro Dios« (Ein feste Burg ist unser Gott).

Während der Feier wurde viel frei und lang gebetet mit sehr viel Emotionen. Das kann man verstehen: Wurden die Evangélicos doch lange an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Inzwischen bilden sie auch für Politiker eine interessante Wählerschicht. Sie werden umworben. Über 20 Prozent der Chilenen gehören zu ihnen. Die etwa 12.000 Lutheraner spielen da eine eher untergeordnete Rolle, obwohl die Lutheraner hohes Ansehen genießen – besonders nach dem Wirken von Helmut Frenz, Menschenrechtler und Pfarrer, der im vergangenen Monat verstarb.

Inzwischen gibt es in Chile seit ein paar Jahren sogar den Reformationstag als arbeitsfreien Tag – und das in diesem noch immer stark katholisch geprägten Land. Feierlich versprachen die Gemeinden in Huechurraba, dass sie auf die Lutherbüste und den Reformationsplatz aufpassen würden und dort regelmäßige Gebetstreffen machen wollten – bei ihrem Kirchenvater. Bei dem Urvater aller Evangélicos. So haben sie es empfunden.

Fremd fühlte ich mich auf dieser Veranstaltung. Mit unserer lutherischen Kirche hatte das wenig zu tun. Lutherisch war das nicht. Was hätte Luther wohl dazu gesagt?

Vielleicht hätte er geschmunzelt, und das durchaus wohlwollend, denn den Evangélicos geht es um Anerkennung in einem Land, in dem sie lange Zeit ausgegrenzt waren und an den gesellschaftlichen Prozessen nicht teilhaben konnten.

Ist das nicht evangelisch? Ist das nicht lutherisch? Geht es dabei nicht darum, wahrgenommen zu werden? Um das Gefühl und den tiefen Glauben, angenommen zu sein?

Martin Luther selbst hatte große Zweifel. Er fühlte sich nicht angenommen. Er wurde umgetrieben von der Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

Luther fand die Antwort in einem Bibelwort (Römer 1, Vers 17), das ihn begreifen ließ: Ich muss mir Gottes Gerechtigkeit nicht verdienen, ich brauche an seiner Güte nicht zu zweifeln, denn Gott ist immer schon nahe und bereit, sich mir zuzuwenden – und zwar voraussetzungslos. Er fühlte sich angenommen, befreit, erlöst. Aus seiner Erfahrung heraus setzte er sich noch intensiver mit der Heiligen Schrift auseinander. Je tiefer er eindrang, desto intensiver erfuhr er, dass Gott gnädig ist.

Auf der Plaza de la Reforma wurde auf dem Sockel der Lutherbüste deshalb auch auf spanisch geschrieben: »Allein die Heilige Schrift, allein aus Gnade, allein aus Glauben, allein Jesus Christus.« Das ist lutherisch! Und das in der Umgebung der Evangélicos. Es gibt wohl doch Berührungspunkte.

Als der ehemalige Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber Chile besuchte, traf er sich auch mit den Vertretern der Evangélicos. Er sagte ihnen: »Wir fühlen uns Ihnen als Glieder des einen weltweiten Leibes Jesu Christi tief verbunden. Wie Sie wollen wir uns auf den Ursprung und Grund unseres Glaubens – auf Jesus Christus – verweisen lassen, und uns dankbar des reformatorischen Auftrags erinnern, die durch die Reformation wiederentdeckte ›Freiheit eines Christenmenschen‹ als Geschenk des gnädigen Gottes allen Menschen zu bezeugen.«

Sicher – es gibt Unterschiede zwischen Evangélicos und dem, was wir in Deutschland unter evangelisch verstehen. Spannend ist es aber, sich mit unseren Brüdern und Schwestern – den Evangélicos – auseinanderzusetzen und auch von ihnen zu lernen. Die lutherischen Gemeinden in den Armenvierteln Chiles haben auch von ihnen gelernt.

Das erlebt man zum Beispiel in den Gottesdiensten, die emotionaler sind, manchmal spontaner, häufig lebendiger. Manchmal wünschte ich mir das auch hier. In all der »Freiheit eines Christenmenschen« – das ist lutherisch!

Enno Haaks

Pfarrer Enno Haaks ist Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes (GAW), das seinen Sitz in Leipzig hat. Zuvor war er bis 2009 Pfarrer in Santiago de Chile.

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