Wir und sieben Milliarden

Menschen
 
Irgendwo in Indien oder auf den Philippinen, in China oder vielleicht in Chemnitz ist am vergangenen Montag ein kleines Kind zur Welt gekommen, das eine große Schwelle überspringt: Mit ihm leben von nun an sieben Milliarden Menschen auf der Erde.

Die Zahl ist schwindelerregend und kaum zu fassen. Dörfer und Kleinstädte in Sachsen bluten aus, Kirchgemeinden schrumpfen – sieben Milliarden wirkt wie eine ferne Zahl. Als hätte sie mit uns nichts zu tun.

Ein großer Irrtum. Wir sind nicht nur Teil einer schnell wachsenden Bevölkerung auf einem kleinen Planeten, wir sind auch Teil ihrer Probleme.

Auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden haben es tausende Christen zuletzt breit diskutiert: Hunger und vieles Leid in großen Teilen der Welt müssten nicht sein, wenn wir die Güter der Erde gerecht verteilen würden, wenn die reichen Länder die Umwelt nicht zu Lasten der Schwächeren ausbeuten würden, wenn der wohlhabende Norden mit dem ärmeren Süden fair handeln würde. Eine Initiative sächsischer Christen hat sich unter dem Namen »anders wachsen« zum Kirchentag auf den Weg dieses Kurswechsels gemacht.

Doch fünf Monate nach dem Massentreffen ist wieder alles beim Alten. Gleichgeschlechtlich liebende Pfarrer oder der Besuch des Pap­stes regen weit mehr auf als das ferne Leiden. Wer auf den Einkauf fair gehandelter Produkte besteht, auf Öko-Strom, auf kleinere oder am besten gar keine Dienstautos, wird auch in der Kirche noch oft belächelt: Kann man machen, hört man dann, doch zuerst sollten wir uns um unser Eigentliches kümmern.

Der Verwundete liegt noch immer auf der Straße nach Jericho, wie in Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Und noch immer gehen wir zu oft an ihm vorüber.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]