Zu klein für Jesu Brot?

Zu klein für Jesu Brot?

In dem einen Ort dürfen Kinder zum Abendmahl kommen, in dem anderen nicht. Die Landeskirche sucht eine einheitliche Regel – und fragt ihre Gemeinden.

 
Das ist neu: Die Landeskirche befragt ihre Gemeinden zu einem theologischen Streitpunkt. Dürfen Kinder am Abendmahl teilnehmen oder nicht? Bisher gab die sächsische Landeskirche darauf ein entschlossenes »Ja und Nein« zur Antwort. Von den 780 Kirchgemeinden in Sachsen geben 176 an, auch Jungen und Mädchen zu Brot und Traubensaft einzuladen, oder haben dies zumindest in den vergangenen Jahren getan. Seit 1983 erlaubt dies ein Kirchengesetz für Kinder ab »etwa acht Jahre«.

Die Mehrheit der Gemeinden aber folgt dem nicht. »Wir haben in dieser Frage einen Flickenteppich in der Landeskirche«, stellt Ulf Liedke fest, Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden und Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode. »Das wird als größte geistliche Not wahrgenommen.« Denn Kinder, die in ihrer Gemeinde am Abendmahl teilnehmen dürfen, können dies nach einem Umzug an einen anderen Ort oder nach einer Fusion ihrer Kirchgemeinde plötzlich nicht mehr. Beides ist häufig heutzutage – und für Familien nicht zu verstehen.

Angestoßen durch Eingaben von der Basis erarbeitete der theologische Ausschuss der Landessynode zusammen mit dem Bildungs- und Erziehungsausschuss ein Diskussionspapier, das von der Synode im Herbst vergangenen Jahres beschlossen wurde. »Wir wollen eine einheitliche Regelung für ganze Landeskirche finden«, so Ulf Liedke. »Doch bei einem so zentralen Thema soll nicht einfach die Synode eine Entscheidung treffen, sondern die Kirchgemeinden sollen beteiligt sein.«

Es geht um nichts geringeres als um die Frage, ob Kinder an dem Mahl teilnehmen dürfen, in dem Jesus den Menschen besonders nah zu sein versprochen hat. In den ersten Jahrhunderten der Christenheit durften alle Getauften am Abendmahl teilnehmen – natürlich auch Kinder. Seit gut 40 Jahren entdeckt die evangelische Theologie diese alten Wurzeln neu.

Doch in Kirchgemeinden gibt es Skepsis: Verstehen Kinder überhaupt den Sinn des Abendmahls, wird dadurch nicht die Konfirmation entwertet – oder gar die Würde des Sakraments?

Das Diskussionspapier der Landessynode hält dagegen, dass auch beim Abendmahl »die Kinder als getaufte Glieder der Gemeinde ernst genommen werden« müssten. Es gebe »keine letzten theologischen Gründe, die Zulassung zum Abendmahl an die Konfirmation zu binden«.

Die Kinder sollten aber zuvor den Sinn des Sakraments erfassen. Deshalb empfiehlt das Papier eine gemeindepädagogische Einführung am Beginn der Schulzeit als Altersgrenze. Viele Kinder und Eltern würde das freuen. Das zeigt eine Umfrage des Landeskirchenamts unter Gemeinden, die das Abendmahl mit Kindern praktizieren. Zwischen ihrem sechsten und achten Lebensjahr äußern dort die meisten Kinder und ihre Eltern den Wunsch nach Brot und Traubensaft, zeigt eine Auswertung der Umfrage durch Friederike Hahn, Absolventin der Evangelischen Hochschule Moritzburg.

»Von der Entwicklungspsychologie her haben Kinder in diesem Alter die größte Offenheit für die Dinge, die sich nicht nur über den Kopf wahrnehmen lassen – viel mehr als Jugendliche«, sagt Michael Seimer, der Vorsitzende des Bildungsausschusses der Synode.

Dieser Tage schickt die Landeskirche eine Handreichung mit umfangreichen Informationen über das Abendmahl mit Kindern an ihre Kirchgemeinden. »Wir erbitten, dass darüber in den Kirchenvorständen, Kirchenbezirkssynoden und Pfarrkonventen diskutiert wird und diese uns bis August 2012 möglichst differenzierte Rückmeldungen geben«, sagt der Ausschussvorsitzende Ulf Liedke. Im Herbst nächsten Jahres wird die Synode darüber beraten.

Vielleicht ein Modell auch für andere strittige Fragen in der Kirche.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]