Es ist kein Bekenntnisfall

Seit September ist Peter Meis im Landes­kirchenamt für theologische Grundsatzfragen zuständig.

Ein Gespräch über Hoffnung und Homosexualität, Angst und das Abendmahl – und die Leuchtkraft des Evangeliums.

 

Oberlandeskirchenrat Peter Meis (58) ist im Landeskirchenamt für theologische Grundsatzangelegenheiten zuständig. Der promovierte Theologe wurde in Leipzig geboren und war von 1981 bis 1988 Stadtjugendpfarrer in Dresden. Später lehrte er als Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. Meis kandidierte 2004 für das Amt des Landesbischofs. Von 2006 bis 2011 war er Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Mitte. Foto: Steffen Giersch

Oberlandeskirchenrat Peter Meis (58) ist im Landeskirchenamt für theologische Grundsatzangelegenheiten zuständig. Der promovierte Theologe wurde in Leipzig geboren und war von 1981 bis 1988 Stadtjugendpfarrer in Dresden. Später lehrte er als Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. Meis kandidierte 2004 für das Amt des Landesbischofs. Von 2006 bis 2011 war er Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Mitte. Foto: Steffen Giersch

 
Herr Meis, viele Jahre waren Sie Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg, dann Superintendent in Dresden – was ist anders für Sie geworden als Oberlandeskirchenrat?
Meis: Kirchenleitung bedeutet, dass theologische Arbeit auch in Strukturen ihren Ausdruck finden muss. Etwa in der Frage, zu welcher Gestalt unserer Kirche wir angesichts der Einsparungen kommen wollen. Auch Strukturen predigen.

Welches theologische Thema drängt derzeit am meisten, was müssen Sie zuerst anpacken?
Meis: Gegenwärtig erleben wir eine Umkehr der Prioritäten. Ethische Lebensfragen, etwa nach dem Umgang mit Homosexualität, stehen im Mittelpunkt. Ich hoffe aber, dass die theologischen Fragen nach dem Abendmahl mit Kindern oder der Taufe wieder den gebührenden ersten Platz einnehmen werden.

Sowohl die Kritiker einer Segnung und Öffnung des Pfarrhauses für homosexuelle Paare als auch die Befürworter fühlen sich in der schwächeren Position. Beide Gruppen verteidigen sich und haben Angst. Wie würde der Seelsorger Peter Meis an das Problem herangehen?
Meis: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Offensichtlich werden hier noch andere Dinge verhandelt als die Lebensform Homosexueller. Es geht auch um Deutungshoheiten und Verunsicherungen ganz anderer Art. Dabei kann die Orientierungsnot in zunehmend komplexen Zusammenhängen nicht allein durch Gesetze entschieden werden. Sie sollte auf der seelsorgerlichen Ebene, womöglich durch Einzelfallentscheidungen gelöst werden. Die Kirchenleitung wird im Januar darüber beraten. Ich hoffe sehr, dass Betroffene nicht ausgegrenzt und ein anerkanntes Zuhause in unserer Kirche finden werden.

Es gibt biblische Texte, die gelebte Homosexualität verurteilen. Handelt also gegen die Schrift, wer das anders sieht?
Meis: Mich beschwert die Haltung, als sei mit drei Bibelstellen hier bereits Abschließendes gesagt. Mit der Schrift zu argumentieren, heißt nach lutherischem Verständnis, die Schrift als Ganze in den Blick zu nehmen und nach ihrer Mitte zu fragen. Auch historische und soziologische Fragen sind zu bedenken. Wir ringen also um ein Thema, das rs nicht verdient, zum Bekenntnisfall erhoben zu werden. Fragen der Lebensordnung sind nach reformatorischem Verständnis zweitrangige Fragen.

Von kirchenleitenden Personen hört man in der Debatte am lautesten die Angst vor dem Zerbrechen der kirchlichen Einheit. Darf Angst eine Kategorie in der theologischen Urteilsfindung sein?
Meis: Das wäre fatal, Sorge umeinander ist daher ein angemessenerer Ausdruck. In der Ökumene reden wir seit langem von »Einheit in versöhnter Verschiedenheit«. Vielleicht ist diese Formel auch für ethische Fragen zielführend. Kirche zerbricht nicht an unterschiedlichen Auffassungen über biblische Themen. Die Einheit der Kirche zerbricht erst dann, wenn wir uns gegenseitig Abfall vom Evangelium vorwerfen. Darüber müssen wir reden.

In der Streitfrage der Zulassung von Kindern zum Abendmahl befragt die Landeskirche jetzt ihre Gemeinden – eine Lösung auch für das Thema Homosexualität?
Meis: Nach meiner Erfahrung geschieht ein Umdenken in der Begegnung mit Betroffenen. Ausschließlich theologische Debatten führen selten weiter. Das Gespräch in den Gemeinden ist dann weiterführend, wenn es nicht am grünen Tisch geführt wird.

Begrüßen Sie die Initiative der Synode, zum Abendmahl mit Kindern die Gemeinden zu befragen?
Meis: Ja, sehr. Endlich sind wir wieder beim Herzschlag unserer Kirche, den Sakramenten. Unsicher bin ich, ob das Abendmahl mit Kindern flächendeckend durchzusetzen ist. Dafür sind die theologischen Gewissen in den Kirchenvorständen zu unterschiedlich. Theologisch gibt es zwar keine hinreichenden Gründe, Heranwachsenden das Abendmahl zu verwehren. Eine verantwortliche Praxis hängt aber wesentlich davon ab, ob wir engagierte Eltern, Paten und Gemeindeglieder finden, die Kinder entsprechend begleiten.

Gibt es in der Theologie der Landeskirche tote Winkel, die Sie in ihrem neuen Amt mehr ausleuchten wollen?
Meis: Wir müssen sehr darauf achten, dass trotz Zeitdruck und Strukturanpassungen die Fröhlichkeit der Mitarbeiter erhalten bleibt. Die Leuchtkraft und der Trost des Evangeliums müssen Ihre Kraft entfalten können und dürfen nicht in den Mühlen der Selbstbeschäftigung zerrieben werden.

Die Fragen stellte Andreas Roth.

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]