Licht ins Dunkel

Sie ist ein Tabu – doch es gibt sie: sexuelle Gewalt auch unter Christen. Die Landeskirche tut mittler­weile einiges dagegen. Fachleute aber fordern noch weitreichendere Schritte.
 

 
Die Aufregung über Missbrauchsfälle in Kirchen und Schulen ebbt ab – der Skandal aber bleibt: Leise, schmerzhaft, wie er immer war. Sexuelle Gewalt ist Realität. Auch in der Kirche. Auch in Sachsen.

Es bleibt ein Dunkelfeld. Die Dresdner Beratungsstelle »Ausweg« berät im Jahr rund 200 Opfer – ein bis zwei Prozent davon mussten sexuelle Gewalt unter dem Dach der Kirche erleiden.

Bei der Chemnitzer Beratungsstelle »Wildwasser« suchten in den vergangenen acht Jahren über 14 Menschen Hilfe. Täter waren Pfarrer, andere Mitarbeiter und Ehrenamtliche. Die Beraterinnen der Opferhilfe Sachsen hatten 2010 und 2011 allein in Ostsachsen sechs solche Fälle.

Im Landeskirchenamt in Dresden haben sich seit März letzten Jahres 18 Betroffene gemeldet. Oft liegen die Taten weit in der Vergangenheit, mitunter betreffen sie auch andere Landeskirchen.

Aufgerüttelt durch die Gewalttaten in Schulen und Kirchen, die vor anderthalb Jahren an das Licht der Öffentlichkeit kamen, handelte die sächsische Landeskirche. Sie richtete im April 2010 eine Kontakt- und Informationsstelle für Fälle sexuellen Missbrauchs ein, in der die Gleichstellungsbeauftragte des Landeskirchenamts Kathrin Wallrabe Opfern Hilfe und Beratung vermittelt.

War der Umgang mit Verdachtsfällen bisher ins Ermessen der kirchlichen Vorgesetzten gestellt und dementsprechend unterschiedlich und unsicher, gibt es dafür seit September letzten Jahres einen Handlungsleitfaden der Landeskirche. Der Verdacht einer Kindeswohlgefährdung soll demnach von kirchlichen Mitarbeiter »unter Zuziehung einer erfahrenen Fachkraft« geklärt werden. Wünscht das Opfer eine Aufarbeitung des Falls, werde die Kontaktstelle im Landeskirchenamt und die Justiz eingeschaltet.

»Das Thema betrifft aber einen so großen Scham-Bereich, dass es neben einer internen unbedingt auch eine externe Ansprechstelle geben muss, die nicht Teil des Systems ist«, sagt Volker Hoffmann von der Dresdner Beratungsstelle »Ausweg«. Eine solche Stelle aber fehlt.

Das Landeskirchenamt hat die Kirchenbezirke aufgerufen, in den näch­sten zwei Jahren alle Mitarbeiter ihrer Einrichtungen und Gemeinden in einer zweistündigen Veranstaltung zur Prävention zu schulen. »Das ist definitiv zu wenig Zeit«, sagt der Berater Hoffmann. »Da entsteht gefährliches Halbwissen, weil wir es oft mit perfiden Täterstrategien zu tun haben.«

Das Landesjugendpfarramt bildet in diesem Jahr erstmals 15 Mitarbeiter der Kinder- und Jugendarbeit in einer umfänglichen Modul-Reihe zur Prävention weiter.

»Ich merke, dass Kollegen sensibler werden und im Zweifelsfall eher einmal nachfragen, als die Augen zuzumachen«, sagt Heike Siebert, die als Referentin im Landesjugendpfarramt bereits seit 15 Jahren Opfer sexueller Gewalt berät. Sie hat zum Schutz der Kinder und Jugendlichen einen Verhaltenskodex erarbeitet, der 2012 in der Evangelischen Jugend für alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter gelten soll.

Bei der Einstellung von Mitarbeitern im Verkündigungsdienst verlangt die Landeskirche seit einem Jahr ein erweitertes Führungszeugnis, in dem nun geringere Vorstrafen wegen Sexual­delikten ablesbar sind. Für Ehrenamtliche gilt diese Regelung jedoch nicht. Man fürchtet in der Kirche, dass damit freiwilliges Engagement erschwert wird.

Die Bundesbeauftragte für die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, fordert dagegen in ihrem im Mai veröffentlichten Abschlussbericht ausdrücklich auch für Ehrenamtliche die Vorlage eines solchen Zeugnisses. Sie meint: »Personen, die sich ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren möchten, werden eine hohe Akzeptanz für ein solches Vorgehen besitzen.«

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]