Endlich raus hier

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Der Advent ist die Zeit des Wartens. Ein Mann wartet seit 14 Jahren auf das Ende seiner Haft. Eine Besserung des Menschen durch das Gefängnis aber erwartet er nicht.

Kann sein, dass Uwe Gehler (Namen geändert) das Teelicht noch einmal anzünden wird. Seit Jahren schon bekommt er im Advent so eine kleine Kerze von Pfarrern geschenkt, damit ein warmes Licht hinter die dicken Mauern fällt. Offenes Feuer – nur um Weihnachten herum ist es in den Zellen erlaubt.

Advent ist die Zeit des Wartens. Christen warten auf den Versöhner. Gehler wartet auf Post vom Richter. Auf ein, zwei Sätze, die ihm die Freiheit schenken. Nach 14 Jahren.
Gehler ist mit einem Bein bereits draußen. Doch jeden Abend muss er zurückkehren: Die Pflasterstraße hin­auf, an wüsten Brachflächen, verlassenen Kasernen und Mülldeponien vorbei – dorthin, wo die Gesellschaft verwahrt, was sie nicht verdauen kann: In die Justizvollzugsanstalt Dresden, die sich in Stacheldraht und effizienten Beton hüllt.

Im Januar 2010 hat Gehler zum ersten Mal einen Fuß hinaus setzen dürfen. Zu seinen Großeltern, die immer zu ihm hielten. Zurück in der Zelle, strich er sich im Kalender seinen nächsten Ausgang an. Und danach den nächsten. So hangelte er sich über die Zeit. Hin in Richtung Freiheit.

Der Staat will das durchaus, er nennt es Resozialisierung: Ein Rückweg in die Gesellschaft. Im Jahr vor seiner Entlassung durfte Uwe Gehler in das Freigänger-Haus außerhalb der Gefängnismauer umziehen, die Gittertür vor dem Eingang öffnete sich für ihn fortan für neun Stunden pro Tag. Er suchte sich eine Weiterbildung, eine Arbeit in einem Baubetrieb, eine Wohnung.

Resozialisierung? Gehler lacht bitter, seine kräftigen Arme auf den Tisch gestützt. »Acht Monate habe ich dafür gekämpft, Arbeit zu bekommen. Hier drin wird man behandelt wie ein kleines Kind. Unmündig, als sei man nichts wert.«

Gehler nimmt das große Wort von der Resozialisierung nicht sehr ernst, weil er seine kleine Wirklichkeit vor Ort kennt. Das sächsische Justizministerium fasst sie in Zahlen: In den Gefängnissen des Freistaats kommt ein Psychologe auf 88 Gefangene und ein Sozialarbeiter auf 55 Gefangene. Die Resozialisierung steht ganz oben als Ziel im Strafvollzugsgesetz.

Es gebe dafür nur zu wenig Psychologen und Sozialarbeiter in sächsischen Gefängnissen, sagt Ulfrid Kleinert, früher Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden und jetzt Vorsitzender des Vereins Hammer Weg e. V., der sich für Strafgefangene einsetzt. »Doch auch die Bediensteten in den Gefängnissen brauchen eine bessere Ausbildung, um die Gefangenen zu motivieren, an ihrer Resozialisierung mitzuwirken.«

Das ist nicht billig – aber allemal billiger als die vielen Gefangenen, die wieder rückfällig werden und erneut hinter Gittern landen, da ist sich Kleinert sicher. Und auch Hanna Einenkel, die als eine von 35 Vereinsmitgliedern Gefangene auf ihrem Weg in die Freiheit begleitet, weiß: »Wer seine Schuld nicht einsieht, kommt oft wieder hierher.« Die vielen Christen im Hammer Weg e. V. glauben an das zum Guten Veränderbare im Menschen – nicht nur im Advent.

Uwe Gehler wurde durch die Zeit hinter Gittern eines Schlechteren belehrt. Viele hier könnten sich gut verstellen, sagt er. Er selbst habe sich ganz allein seine Einsicht erarbeitet. Gehler spricht sie nur viel leiser aus, als die Beschwerden über das Gefängnis: »Ich habe eingesehen, dass ich bestraft werden musste.«

Gehler war mit Drogen erwischt worden – einer Menge, so schwer wie ein halber Kleinwagen. Kein Pappenstiel. 22 Jahre war er damals alt. Mit 37 sagt er: »Ich sehe keinen Sinn im Knast. Im Gegenteil: Sie ziehen sich hier noch härtere Straftäter heran, denn hier wird der Autodieb nicht vom Mörder getrennt.«

Uwe Gehler will die andere Richtung einschlagen. Wenn er Glück hat, wird er noch im Dezember das letzte Mal die Gittertür des Gefängnisses hinter sich zuziehen. Der Advent könnte für ihn zu einer Ankunft werden.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]