Schieflage

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Auf einmal ist der Schrecken groß: Aus dem neonazistischen Untergrund heraus wurden Menschen ermordet und keiner ist den Mördern auf die Spur gekommen. Verfassungsschützer haben angeblich nichts gewusst. Polizeiliche Ermittlungen liefen ins Leere. Nun überbieten sich Politiker mit Vorschlägen, wen sie zur Rechenschaft ziehen sollen und wie die Sicherheitsbehörden umgebaut werden könnten, um solche Skandale in Zukunft zu vermeiden.

Und vor allem hat man den Eindruck, als merkten sie erst jetzt: Ach, die Rechtsextremisten können ja auch böse sein! Wie böse, das zeigen die Morde, die offenbar nur aus dem einen Grund geschahen: Hass auf Ausländer. Dieser Hass hat sich schon an anderen Stellen, in anderen Städten in den vergangenen Jahren gezeigt. Jedes Mal war die Empörung groß – ebenso wie das Bemühen, solche Taten als Untaten von Einzelnen zu verdammen.

Doch gerade deshalb hätten Politik und Öffentlichkeit es wissen können, was da im Untergrund wächst und besonders an manchen Tagen in Massen an die Öffentlichkeit tritt. Man bedenke nur die Aufmärsche in Dresden im Umfeld des 13. Februar. Doch der politische Aufruhr und die polizeilichen Ermittlungen zielten am Ende in die andere Richtung: auf die, die sich den Rechtsextremisten widersetzten, die ihre Märsche verhindern wollten.

Denn auch das ist nicht selten: Diejenigen, die sich gegen den braunen Spuk in ihrer Stadt, in ihrem Dorf wehren, werden schief angesehen, selbst in der Kirche. Und diese schiefe Sicht durchzieht viele Bereiche. Bis dahin, dass Gelder für die Jugendarbeit gekürzt werden und damit Bemühungen, Jugendlichen sinnvolle Angebote zu unterbreiten, zunehmend ins Leere laufen. Eine klarere Sicht ist deshalb dringend nötig, um auf dieser Schieflage nicht eines Tages abzurutschen.

Christine Reuther

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]