Ausruhen kommt später

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Der Advent ist voller Erwartungen. Vielfältig sind auch die Vorstellungen über den Ruhestand. Drei Menschen erzählen.
 

Jutta M.* hat es manchmal so satt! Sie ist Buchhändlerin. Den ganzen Tag steht sie im Laden. Es ist ein großes Geschäft: vorn die Belletristik, hinten die Sachbücher. Und immer muss sie mit ihrer Kollegin auf dem Sprung sein, um die Kunden zu bedienen, ihre Fragen zu beantworten, schauen, dass nichts wegkommt. Früher waren sie zu viert. Heute bleibt kaum Zeit, auf die Toilette zu gehen oder einen Schluck Wasser zu trinken.

Und dann sollen sie auch noch Schokolade, Kaffeetassen oder kleine Spielzeuge mit an den Mann und die Frau bringen. Ständig dieser Druck, den Umsatz zu bringen. Gerade jetzt, in der Adventszeit. Und trotzdem immer freundlich sein. Anonyme Testkäufer machen die Runde und kontrollieren das. Erst auf dem Heimweg kann sie etwas durchatmen.

Deshalb zählt sie die Jahre bis zur Rente. Drei sind es noch. Denn mit 63 kann sie frühestens gehen. Allerdings mit Abzügen. Die Rente wird eh nicht groß sein. Dann ist es eben noch etwas weniger. Was soll’s. Zum Glück verdient ihr Mann gut und hat eine bessere Rente zu erwarten. Zu zweit kommen sie dann schon über die Runden. Wenn es nur bald soweit wäre.

Für Gerald M. ist es soweit. Er hat Ende November seine letzten Arbeitstage hinter sich gebracht. Nun liegt der Ruhestand vor ihm. Für ihn ist es wie nach dem Studium: »Ich muss jetzt überlegen, wie ich wieder Fuß fasse«, sagt er. Deshalb sieht er die ersten Wochen des neuen Lebensabschnitts erst einmal als Urlaub an, um besonders die Vorweihnachtszeit zu genießen. Danach will der Ingenieur planen, womit er sich beschäftigen kann: Den Nachlass des Vaters ordnen, von den Kriegstagebüchern bis zur Briefmarkensammlung? Oder sich Firmen als Berater anbieten?

Außerdem gibt es genug Organisationen, die auf ehrenamtliche Mitarbeit warten, ist er sich sicher. Und er will nachholen, was bisher zu kurz kam: Reisen machen, Freunde und Kinder in der Ferne besuchen. Bange ist ihm deshalb nicht.

Doch der neue Alltag wird ihn Überwindung kosten. Schließlich war der bisherige Tagesablauf durch die Arbeit strukturiert. Nun wird er tagsüber meist zuhause sein. Gemeinsam mit seiner Frau. Und diese ist Selbständigkeit gewohnt, hat ihre eigenen Interessen im Ruhestand gefunden. Er solle nur erst einmal zu sich selbst finden, sagt sie angesichts seiner Pläne. Vielleicht wird es deshalb noch manchen Konflikt zwischen den beiden zu lösen geben.

Doch Gerald M. weiß auch: »Man muss sich selber und dem anderen immer sagen können: Ist es die Sache wert, sich deshalb Vorhaltungen zu machen?« Denn auch dessen ist er gewiss: Der Großteil des Lebens ist schon gelebt, es geht auf das Ende zu.

Dass dann nichts mehr kommt, dieser Gedanke beschäftigt Anna F. immer mal wieder. Es wird der letzte Lebensabschnitt sein. Also will sie ihn nicht herbeisehnen. Auf die Rente warten, diesen Gedanken schiebt sie deshalb immer wieder weg.

Zum Glück sind es noch zwei Jahre. Denn dass nichts mehr kommt, ist nicht ganz richtig. Sie weiß genau, dass sie dann schwer Nein sagen kann. Du hast doch jetzt Zeit, hört sie schon ihre Mutter sagen, die dann sicher jeden Tag besucht werden will. Es macht Dir doch nichts aus, wenn ich Dir Antonia bringe, wird die Tochter sagen, wenn sie etwas vorhat und die Enkelin in Obhut geben will.

Und von morgens bis abends den Ehemann um sich zu haben, der schon jetzt mit seiner Zeit nichts anzufangen weiß, wird auch nicht einfach sein. Ob es ihnen gelingt, gemeinsam als Rentner diesen Lebensabschnitt zu gestalten?

Anna F. weiß noch nicht, ob sie dazu dann die Kraft hat – und ob ihr die Familie die Zeit lässt oder ob alle sie in Anspruch nehmen wollen. Und so genießt sie es noch, jeden Morgen aus dem Haus gehen zu können, durch die Arbeit anderen Menschen zu begegnen und sich bestätigt zu fühlen.

* Alle Namen geändert

Christine Reuther

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]