Angespanntes Warten

Junge Männer sind als Soldaten in Afghanistan. Ihre Familien zu Hause zählen die Tage bis zu ihrer Rückkehr – besonders jetzt im Advent.

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Zu zwei Dritteln ist die große Tasse schon gefüllt. Jeden Tag legt Marianne L.* eine weitere Euromünze dazu. Sind es 202, ist es soweit: Advent, Weihnachten, Silvester sind dann vorüber.

Mehr als auf diese Feste warten Marianne L. und ihre Familie auf Mitte Januar des neuen Jahres. Dann kehrt ihr 27-jähriger Sohn Simon zurück aus Afghanistan. Seit Juli ist er in Kunduz beim ISAF-Kontingent der Bundeswehr – einer von mehr als 5300 deutschen Soldaten dort.

Mit ihm sprechen können sie über den Internet-Dienst Skype, erzählt Vater Heinz. »Aber er sagt nicht viel.« Über Alltägliches tauschen sie sich aus, sagt Schwager Olli. »Er will viel über die Kleine wissen.« Lilo, die Tochter von Simons Schwester Sara, wird am 3. Advent ein Jahr alt. Seit zwei Wochen läuft sie. »Als er fort ist, war sie ein Baby.«

Manchmal sieht Sara auf dem Bildschirm des Laptops, wie sich ihr Bruder nervös an der Braue zupft. »Er wirkt angespannt.« Wie sein Alltag im Lager aussieht, erfahren sie kaum.

Bevor er gegangen ist, habe er Vollmachten ausstellen, sein Testament und Verfügungen für seine Beerdigung schreiben müssen, erzählt die Mutter. Auf seiner Abschiedsparty hat Schwe­ster Sara von ihm so viele Fotos gemacht wie nie zuvor. Sie wollte festhalten, wie er gewesen ist. Jetzt fragt sie sich manchmal: «Wird er sich verändert haben, wenn er wiederkommt?«

Bei Nachrichten aus Afghanistan im Radio oder im Fernsehen horchen sie auf. »Manchmal aber will ich’s gar nicht so genau wissen«, gibt Mutter Marianne zu. Sie macht sich Gedanken. Nicht nur um den Sohn, sondern auch über das Leben der Menschen in diesem Krisengebiet. »Wenn er nicht dort hingegangen wäre, würde ich darüber sicher nicht nachdenken«, sagt sie.

Sechs Flaschen Wein haben sie sich in den Keller gestellt, für jeden Monat eine. Mitte Dezember öffnen sie die vorletzte. Dann sitzt auch Simons Freundin mit am Tisch. Sechs Monate kannten sie sich, als er nach Afghanistan verlegt wurde. Immer häufiger ist sie jetzt bei seiner Familie.

»Viele, die uns kennen, fragen, wie es meinem Bruder geht«, sagt Sara. Mutter Marianne hat auch anderes erlebt. Eine Frau etwa, die über diese Verschwendung von Steuermitteln geschimpft hat. Und dass die doch nur »da runter gehen, weil sie einen Haufen Kohle verdienen«. Ihr hat Marianne dann von ihrem Sohn erzählt. »Da hat sie gesagt: Aus der Sicht habe sie es noch nicht gehört. Die Bevölkerung weiß eben zu wenig, was die Jungs da machen.«

Engeren Kontakt zu einer Arbeitskollegin hat auch Daniela K. jetzt. Deren Sohn ist schon als Soldat in Afghanistan gewesen. Ihr Florian, 21 Jahre alt, kehrt im Januar zurück, nach einem halben Jahr. »Es beruhigt mich etwas, dass es mir nicht allein so geht«, sagt Daniela K. »Wenn die es geschafft haben, schaffen wir es auch.« Sie streicht die Tage, die schon vergangen sind, auf einem Kalender ab. Telefon oder E-Mail sind für den schnellen Kontakt. »Jetzt schreibe ich aber auch viele Briefe, was ich früher gar nicht gemacht habe«, erzählt sie.

Schwester Luisa, sie ist 16, hat Weihnachtslieder auf dem Klavier gespielt. Die haben sie aufgenommen und auf eine CD gebrannt. Ihr Bruder Florian soll sie noch vor Weihnachten geschickt bekommen – zusammen mit ein paar Fotos von ihrer Gegend.

»Natürlich wissen wir, dass es gefährlich ist«, sagt Thomas K., der Vater. »Aber das steht nicht im Vordergrund, wenn ich mit ihm telefoniere. Ich würde es ihm nur noch schwerer machen. Wir Männer sind immer sachlich miteinander umgegangen. Die Emotionen versuchen wir rauszulassen.«

Bald ist diese Zeit des Wartens zu Ende. Die vierjährige Dienstzeit, zu der sich Florian K. verpflichtet hat, aber nicht. »Wenn die Politik es fordert, müssen wir darauf gefasst sein, dass er wieder in einen Auslandseinsatz muss.«

* alle Namen geändert

Tomas Gärtner

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]