Zur Frühgeschichte des Palästina-Konflikts bis zur Gründung des Staates Israel

Wer das Existenzrecht Israels bestreitet oder die Forderung der Palästinenser nach einem unabhängigen palästinensischen Staat infrage stellt, der hat aus der Geschichte nichts gelernt und verkennt die Komplexität und Emotionalität der Problemlage, die uns als Nahostkonflikt begegnet. Im Mittelpunkt dieses Konfliktes steht, zugespitzt formuliert, die Frage: «Wem gehört Palästina?» Es geht auf der einen Seite um Fragen der Gleichberechtigung, der Selbstbestimmung und des Rückkehrrechts von Flüchtlingen und natürlich nicht zuletzt um die offene Frage der palästinensischen Staatlichkeit. Kurz: Es geht um das Problem der Emanzipation von einem so empfundenen Kolonialregime. Aus israelischer Perspektive geht es, wenn man der Raison d‘être folgt, um nichts Geringeres als den Schutz der Existenz des jüdischen Volkes in einer so wahrgenommenen «Welt voller Feinde». Wem also gehört Palästina? Man möchte sich wünschen, den Menschen, die dort leben. Aber wie so häufig liegen Wunsch und Realität weit auseinander. 

Die Geschichte Palästinas ist seit über 100 Jahren von einem immer wieder eskalierenden Konflikt zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung geprägt. In der öffentlichen Wahrnehmung beginnt der Nahostkonflikt mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948. Die Ursprünge des gegenwärtigen Konflikts, der wie kaum ein anderer seit Jahrzehnten die internationale Politik beschäftigt, liegen aber weiter in der Geschichte zurück und datieren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Konflikte von damals sind im Kern die Konflikte von heute. Für ein umfassendes Verständnis des palästinensisch-israelischen Verhältnisses sind Kenntnisse über die Frühgeschichte des Nahostkonfliktes unerlässlich. 

Ich werde im Folgenden einen historischen Überblick über die Ursachen und den Verlauf des palästinensisch-zionistischen Konflikts vor der Staatsgründung bieten, der sich 1948 zu einem arabisch-israelischen Konflikt ausweitete. Hierbei soll deutlich werden, dass die Ursachen dieses Konflikts im besonderen Maße im europäischen Imperialismus sowie im politischen Zionismus, der von ihm hervorgebracht wurde, begründet liegen. Ein kolonialismushistorischer Zugang zum Thema drängt sich auf, entsprechen doch Intentionen, Strategien und Auswirkungen der modernen zionistischen Einwanderung nach Palästina den Kriterien, die in der Geschichtswissenschaft für Siedlungs-, Grenz- und Herrschaftskolonialismus definiert wurden.

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