Alle Jahre wieder … Über Grenzen und Möglichkeiten bewussten Konsums

Weihnachtszeit: Geschenke, gutes Festtagsessen und ertragreiche Wochen für den Einzelhandel. Wer den alljährlichen Konsumterror im Weihnachtsgeschäft kritisch sieht, wer auf Lebensstil und Nachhaltigkeit Wert legt – auch auf den ist die Wirtschaft bestens eingestellt. Sie verpasst ihren Produkten kurzerhand einen grünen, gesunden oder fairen Anstrich. Ohne ethische Skrupel genießen: Dieses Verbraucherverhalten ist zunehmend Zielscheibe für Kritik und Spott: „Da stehn die kritischen Verbraucher vor dem Kühlregal“ singt Kabarettist Rainald Grebe in einer Parodie über selbstgefällige Lifestyle-Ökos, die mit dickem Volvo vorm Bio-Supermarkt vorfahren. Ja, gutes Gewissen kann man kaufen – besonders zu Weihnachten.
Wie steht es um die Macht der Verbraucher? Ist bewusster Konsum nur ein neues Handlungsfeld für Marketing und Produktdesign? Oder ein wirksames Druckmittel, damit Industrie und Landwirtschaft ökologisch und sozial gerecht produzieren? Fakt ist: Wer bessere Produkte nicht nur kauft, um sich moralisch besser zu fühlen, fällt weniger auf die bunten Blüten herein, die das Greenwashing der Hersteller treibt.
Nehmen wir den Weihnachtsbraten. Mit der Aufklärung über die Realität in den Tierfabriken wächst das Misstrauen gegenüber den schönen Bildern von Wiese und Hof auf der Verpackung: Was ist da wirklich drin, wo kommt es tatsächlich her? Vielleicht aus Europas größter Zuchtbrüterei in Hilbersdorf bei Freiberg. Das Tier heißt „Ross 308“ und ist ein mit Proteinen angereichertes „Schwermastprodukt mit neuer Genetik“ – schwache Beine, starke Brust, bewegungsarm, zu passgenauen Teilen industrieller Fertigungsprozesse degradiertes Leben.
„Der Verbraucher will das so“, behauptet der sächsische Umweltminister Frank Kupfer gegenüber der Freien Presse. „Stimmt nicht!“, protestieren wütend viele Leserinnen und Leser in Briefen. Es sei die Staatsregierung, die mit billigen Grundstücken und Fördermitteln derart unwürdige Produktionsanlagen nach Sachsen locke. In der Tat wird in keinem Bundesland industrielle Tierhaltung so stark gefördert wie hier – mit über 43 Millionen Euro allein in den Jahren 2008 und 2009. Eine obskure Wirtschaftsförderung, denn Tierfabriken vernichten Arbeitsplätze im bäuerlichen Mittelstand. Mit dem Kauf der Weihnachtsgans vom Bio-Direktvermarkter ändern sich die Verhältnisse noch nicht grundlegend. Notwendig ist politisches Engagement, Tierfabriken zu stoppen und tiergerechte Haltungsstandards durchzusetzen. Für alle die das wollen, sind wir GRÜNEN Partner.
„Egal ob Bio oder nicht – ich kann auf die Gans völlig verzichten!“, denken jetzt vielleicht alle Vegetarier. Klar, Weihnachten müsste nicht ausfallen, auch wenn es mal gar kein Fleisch gäbe. Daran zweifelt niemand. Den Heiligabend jedoch ohne all die Dinge zu verbringen, die aus Erdöl gemacht sind, bringt unsere Vorstellungskraft an ihre Grenzen. Genau diesen Selbstversuch unternahm der finnische Dokumentarfilmer John Webster mit Ehefrau und Kindern. Die Familie versuchte ein Jahr auf Erdöl und Erdölprodukte zu verzichten und sah sich vor kaum lösbare Konflikte gestellt. Der Heiligabend in Websters Dokumentation „Kein Öl mehr! – Übung für den Ernstfall“ gehört zu den skurrilsten Szenen des Films – tragisch und lustig zugleich. Denn kaum ein Produkt, kaum eine Verpackung, kaum eine Lebenssituation kommt in der modernen Welt ohne Erdöl aus. Dabei gilt als sicher: Das globale Ölfördermaximum ist erreicht. Die Fördermengen werden sinken – während die Nachfrage weltweit steigt. Mit der Studie „PEAK OIL – Herausforderung für Sachsen“ untersuchte nun die GRÜNE Landtagsfraktion, wie Politik und Wirtschaft sich auf das Ende billigen Öls konkret vorbereiten. Auch hier gilt: Alle, die mit der Therapie von der Erdölabhängigkeit vor Ort beginnen wollen, finden bei uns Kontakte und politische Unterstützung.
Websters Film endet übrigens hoffnungsvoll: Die Öl-Diät veränderte Verhaltensmuster der Websters – ohne dass sich ihr Leben dadurch verschlechterte. In diesem Sinne: Schöne Geschenke, gutes Essen und besinnliche Weihnachtstage.
Volkmar Zschocke
Landesvorstandssprecher BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Sachsen

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