Wahre Freude rückt alles in neues Licht

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich:
Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Philipper 4, Verse 4 und 5

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»Freust du dich denn gar nicht?« Jetzt bloß nichts anmerken lassen, denke ich. »Doch«, antworte ich schnell und versuche mich an einem Lächeln. »Sehr sogar«. Und zur Bekräftigung schiebe ich noch ein »wirklich« nach. Spätestens jetzt bin ich durchschaut.

Wirkliche Freude braucht keine Bekräftigung. Sie wirkt selbst und bewirkt, dass mir eine Leichtigkeit ins Gesicht geschrieben steht. In Momenten tiefer Freude fühle ich mich wie verzaubert. Ich bin eins mit Gott, der Welt und mir. Dieses Gelöstsein lässt sich nicht spielen. Eine solche Freude wirkt immer angestrengt und riecht nach Schweiß. Freude ist eine Stimmung, von der ich ergriffen werde. Besonders häufig sind es Begegnungen und Worte, die bei mir Freude auslösen. »Wir wohnen/Wort an Wort«, lautet ein Gedicht von Rose Ausländer: »Sag mir/dein liebstes/Freund/meines heißt/DU.«

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Professor Dr. Ulf Liedke ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode.

Worte sprechen uns an. Sie ergreifen uns. Oft sind wir gerade in belastenden Situationen für solche Wortbegegnungen ansprechbar. Die Christen in Philippi sind von Konflikten zerrieben und sehen schwarz. In diese Situation hinein schreibt ihnen Paulus: »Der Herr ist nahe!« Das ist das entscheidende Wort. Es rückt alles in ein neues Licht – löst etwas aus. Freude. Eine adventliche Leichtigkeit.

Wenn ich mich im Kreis drehe und keinen Ausweg mehr sehe, ist es oft nur ein Wort von außen, das mich noch erreicht. Nicht jedes. Ein Bibelwort. Manchmal. Oft das Wort eines anderen Menschen.

Wenn es mich so anspricht, dass es mich unterbricht, mir die Augen und neue Möglichkeiten öffnet, dann braucht es keine Rückfrage: Freust du dich denn gar nicht? Mein Gesicht verrät es.

Ulf Liedke

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]