Die Spuren Gottes in unserem Leben

Wort zur Woche

Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.

Johannes 1, Vers 14

Herrlich!«, schwärmt die Besucherin vor dem Gemälde, um das die Ausstellungsbesucher eine Traube bilden. »Ein Bild von überwältigender Schönheit! Vollkommen. Einfach göttlich!«

»Herrlich!«, schreibt auch der Evangelist Johannes und preist damit einen Gott, der ganz und gar nicht dem Bild vollendeter Schönheit entspricht. »Das Wort ward Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«. Herrlich?, fragen die Gotteskenner überrascht und vermissen, was sie von Gott schon immer wissen: Macht, Geist, Vollkommenheit. Und jetzt dies: Das Wort ward Fleisch.

Das trägt Unruhe in die Reihen und stößt alle vor den Kopf, die mit Gott überirdischen Glanz verbinden. Gott wird Mensch? Mit Leib und Seele, mit Haut und Haar? Gott wird unser Fleisch und Blut?

Ja, aber dann gehört doch nicht nur erhabene Schönheit zu Gott, sondern auch das unfertige Leben mit all seinen ungeduldigen Fragen. Selbst Krankheit und Behinderung wären dann von Gott nicht wegzudenken. Das wirbelt Gottesbilder durcheinander.

»Ja«, besteht Johannes auf seinem Zwischenruf, »das Wort wurde Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit«.
Nein, das Wort herrlich kommt der Frau nicht über die Lippen, als sie über die Pflege ihres kranken Vaters spricht. »Anfangs vergaß er nur Alltäglichkeiten«, sagt sie, »gegen Ende erkannte er nicht einmal mehr mich. Schwer war es und doch eine wichtige Zeit. Ich bin ihm nahe gekommen wie nie zuvor. Mitunter brachte er etwas so verblüffend Richtiges heraus. Oft habe ich einfach nur seine Hand gehalten. Manchmal war es mir dann, als ob ich in seinem friedlichen Gesicht etwas vom Licht Gottes erblicke.«

»Himmlisch«, seufzt der Großvater und schiebt seine Enkelin durch die Tür ins Wohnzimmer. »Wir waren den ganzen Nachmittag im Wald«, erzählt er, »haben einen Fuchs beobachtet und uns die Fährte von Rehen angesehen. ›Macht Gott eigentlich auch Spuren, wenn er zu uns kommt?‹, hat Rebekka dann gefragt und war sich schnell sicher: wenn der Schnee in der Sonne funkelt. Ja, Gott macht Spuren, ich bin mir auch gewiss: Wenn ich mit meinen Enkelkindern zusammen bin, dann ist mir, als halte ich in diesem Moment einen Zipfel von der Herrlichkeit Gottes.«

Ulf Liedke

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]