»Zwickau ist keine braune Stadt«

Der Straßen-Sozialarbeiter Elfried Börner will rechtsextreme Jugendliche für die Demokratie gewinnen

Elfried Börner ist Streetworker der Zwickauer Stadtmission. Foto: Andreas Wohland

Elfried Börner ist Streetworker der Zwickauer Stadtmission. Foto: Andreas Wohland

Zwickau ist durch eine rechtsextreme Terrorgruppe in die Schlagzeilen geraten. Deshalb haben sich kürzlich Streetworker mit einem offenen Brief an die Zwickauer Oberbürgermeisterin gewandt. Andreas Wohland sprach dazu mit Elfried Börner (53), der seit 1998 als Straßen-Sozialarbeiter der Stadtmission Zwickau unterwegs ist.

Herr Börner, was erhoffen Sie sich von dem offenen Brief?
Börner: Einerseits wollten wir eine Rückmeldung von der Straße geben, so wie wir die Stimmung in der Stadt erleben. Jetzt erwarten wir, dass man sich mit dem Thema im Dialog miteinander in der Gesellschaft beschäftigt. Nur mit einzelnen Aktionen, die sicherlich wichtig sind, ist es langfristig nicht getan.

Haben Sie als Streetworker auch mit rechten Jugendlichen zu tun?
Börner: Selbstverständlich. Wir treffen seit Jahren auch auf junge Leute, die rechtsextreme Ansichten vertreten. Es handelt sich meist um jüngere, bei denen im Kopf noch keine verfestigten Dinge vorhanden sind. Vielfach ist es auch eine Protesthaltung, die wohl jeder junge Mensch in irgendeiner Form in seiner Entwicklung durchmacht. Das bietet für uns viele Ansatzpunkte, diese Jugendlichen wieder für die Demokratie zu gewinnen.

Wie gehen Sie dabei vor?
Börner: Man muss natürlich wissen, wie sie ticken. Wir reden mit ihnen, hören uns ihr Problem an, zeigen ehrliches Interesse und versuchen, sie für eine Normalität zu gewinnen. Sprich: Du machst eine Ausbildung, gehst deinem Job nach, gründest eine Familie, hast ein funktionierendes soziales System und andere Hobbys, als nach rechten Führern zu rufen. Dieses Normalisieren, sie für die Gesellschaft gewinnen, ist uns wichtig.

Wie gehen die Zwickauer generell mit dem Stigma um, das das Mördertrio verursacht hat?
Börner: Aus zahllosen Gesprächen mit Jugendlichen wissen wir, dass sie das, was passiert ist, als schlimm und peinlich für Zwickau empfinden. Auf der anderen Seite können sie aber schon nicht mehr hören, wenn in den Medien ständig vom Zwickauer Nazi-Trio oder der Zwickauer Terroristenzelle die Rede ist. Die vorherrschende Meinung ist: Das sind nicht wir, Zwickau ist keine braune Stadt. Eine rechte Szene ist da, aber bei weitem nicht mehr so ausgeprägt wie noch vor zwölf, dreizehn Jahren.

Was wünschen Sie sich in dem Zusammenhang von den Zwickauern?
Börner:Nicht nur die Zwickauer, alle Menschen sollten mehr Zivilcourage zeigen. Nicht nur bei Straftaten, sondern bei allem, was mit Extremismus zusammenhängt, sich einmischen, eine eigene demokratische Meinung vertreten und den offenen Dialog suchen.

Haben Sie V-Männer in der rechten Szene?
Börner:Wenn man das V mit Vertrauen gleichsetzt, dann sind wir Streetworker sicherlich V-Frauen und -Männer. Wir treten den Jugendlichen mit offenem Visier gegenüber. Das beziehen wir übrigens auch auf Gruppierungen mit linksextremem Gedankengut.

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]