Weihnachten geht weiter

Dieses Jesuskind will hinaus in die Welt. »Im Zelt« hat der Grafiker Klaus Hirsch seine Lithographie genannt – und es scheint, als springe das Kind zu den Unbehausten. Repro: Klaus Hirsch

Dieses Jesuskind will hinaus in die Welt. »Im Zelt« hat der Grafiker Klaus Hirsch seine Lithographie genannt – und es scheint, als springe das Kind zu den Unbehausten. Repro: Klaus Hirsch

 
Das Epiphanias-Fest ist älter als Weihnachten – aber in der Kirche wurde es an den Rand gedrängt. Dabei schlägt es die Brücke von der Krippe in unser Leben.

Dieses Jesuskind scheint zu fliehen. Geradewegs vom Schoß seiner Mutter – hinein in die Welt. Deren Schmerz trägt es schon im Gesicht, die Arme bilden schon ein Kreuz. So kann man in einem Bild des Grafikers Klaus Hirsch (70) Epiphanias entdecken. Der Künstler aus dem erzgebirgischen Lugau entdeckt das Fest selbst erst wieder neu. Worte, sagt er, können es kaum fassen.

»Die Welle, die von Jesu Geburt zu Weihnachten ausgelöst wurde, breitet sich aus wie das Licht – und geht in unser Leben ein«, so deutet Klaus Hirsch Epiphanias, dessen griechischer Name übersetzt »Erscheinung« bedeutet: Die Erscheinung Gottes in Jesus von Nazareth. Eine Ausstellung in der Kirche von Kirchberg bei Stollberg will das Fest mit dem spröden Namen vom Sockel der amtlichen Theologie holen.

Kunstwerke wie Klaus Hirschs Bild wollen ihm dort ein Gesicht geben. »Epiphanias war für mich selbst lange Zeit eine abstrakte Sache«, erinnert sich der Künstler. »Ein Nachklang von Weihnachten – ohne mich ernsthaft damit befasst zu haben.« Eine Ausstellung darüber ist für ihn nichts anderes als ein Wagnis.

Dem Erlbach-Kirchberger Pfarrer Tobias Hanitzsch (32) ist das durchaus bewusst. »Epiphanias ist nicht das wunderbar anschauliche Fest mit Hirten, Maria und einer Krippe. Es ist ein verkopftes Fest«, sagt der Theologe. »Und doch ist es wie ein Edelstein, der in vielen Facetten schillert.«

Epiphanias ist der ältere Bruder von Weihnachten. Haben Ostern und Pfingsten jüdische Wurzeln, so war das Fest der Erscheinung des Herrn am 6. Januar wohl die erste christliche Neuschöpfung. Geschehen ist sie irgendwann nach dem Jahr 300 wahrscheinlich in Ägypten.

Im Orient feierten die Christen am Epiphanistag die Geburt Jesu und seine Taufe. Schließlich verzichtet auch der älteste Evangelist Markus auf eine Weihnachtsgeschichte und lässt Jesu Leben mit seiner Taufe im Jordan beginnen: »Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« Bildhafter lässt sich nicht sagen, was die Theologen später Trinität nennen: Die Offenbarung der Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Als sich im Laufe des vierten Jahrhunderts von Rom aus das Weihnachtsfest am 25. Dezember verbreitete, blieb dem Epiphaniastag die Erinnerung an die Taufe Jesu. In den orthodoxen Kirchen ist es bis heute ein hoch angesehenes Tauffest. In den Kirchen Roms und der meisten europäischen Regionen indes stehen von Anfang an die Weisen aus dem Morgenland, der Stern von Bethlehem und sein Licht für die Heiden im Mittelpunkt. Epiphanias wurde zu einem Anhängsel von Weihnachten mit volkstümlichem Drei-Königs-Brauchtum. Luther stritt dafür, Jesu Taufe wieder in den Mittelpunkt zu rücken – vergebens.

Im erzgebirgischen Kirchberg soll Epiphanias wieder leuchten. Grafiken, Fotografien, Gemälde, Geschnitztes und Geklöppeltes gar von Künstlern und Laien werden das Fest zu ergründen suchen. »Weihnachten geht mit Epiphanias weiter, es ist nicht zu Ende«, sagt der Kirchberger Pfarrer Tobias Hanitzsch. »Plötzlich entfaltet sich Weihnachten aus der niedlichen Krippe und kommt mit Licht in unser Leben hinein.«

Auf dem Bild des Grafikers Klaus Hirsch drängt das Jesuskind geradezu dem Betrachter in die Arme. Es überwindet alle Distanz – und manchen sperrigen Festnamen.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]