Präsident und Propheten

Foto: © Jesco Denzel - Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Foto: © Jesco Denzel – Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Darf man Mitleid haben mit einem Bundespräsidenten? Natürlich. Sind wir nicht alle Sünder? Aber ja. Ist es nicht christlich, einem Sünder zu vergeben? Auch das: Ja – aber.

Will man sich an der Bibel orientieren, und ein christlicher Politiker wie Christian Wulff wird das nicht bestreiten wollen, dann heißt die Zwillingsschwester der Vergebung Buße: Umkehr, echte Reue. Bei der für den Präsidenten wie für die Zuschauer gleichermaßen peinlichen Befragung in der Fernseharena war man versucht, dem Bundespräsidenten auf die Schulter zu klopfen und ihm zuzurufen: »Ist schon gut«. Doch warum tauchen am Tag eins nach der erklärten Offenheit wieder neue Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Präsidenten auf?

So kommt der Verdacht in die Welt, dass Reue für Wulff ein Werkzeug aus dem politischen Überlebens-Kit geworden ist. Der Theologe Dietrich Bonheffer hat – freilich angesichts ungleich ernsthafterer Konflikte – vor einer »billigen Gnade« gewarnt: »Gnade ohne Preis, ohne Kosten«.

Die Bibel kennt den Preis: Es ist die Einsicht in die Verführbarkeit der Mächtigen. Das Alte Testament erzählt von Königen, die durch Gottes und des Volkes Willen auf den Thron kamen – und ihn verblendet von der Macht wieder verloren. Sie hatten die Empfindlichkeit für Unrecht verloren – oder auch nur dafür, was Menschen als Unrecht empfinden könnten. Die Macht selbst kann zur Gefahr werden auch für den Mächtigen. Und ihn isolieren.

Die biblische Mahnung trifft indes alle, die Macht verliehen bekommen – ob in Politik oder Wirtschaft, ob in Kirche oder Redaktionen. Die Propheten des Alten Testaments lehren uns: Mächtige brauchen Kritik, und sie brauchen Demut. Für ihre Kritiker gilt übrigens das Gleiche.

Andreas Roth

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]