Kaffee de Lux

«Unser Handel ohne Profitstreben hat mehr als nur Symbolwert.»

Interview mit Anne Löwisch zu Chancen und Grenzen fair(er)er Handelsbeziehungen

Anne Löwisch ist Geschäftsführerin der Mittelamerika Kaffee Im- und Export GmbH (MITKA). MITKA ist ein Zusammenschluss von acht Vertriebsfirmen in Deutschland. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bezieht ihre fair(er) gehandelten Kaffeeproben von den MITKA-Mitgliedern El Puente und Ökotopia.

Zur Webseite von MITKA: http://www.mitka.de

 

Was bedeutet es für die produzierenden Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und ihre Familien, ihren Rohkaffee über faire Handelsbeziehungen verkaufen zu können?

Ganz konkret: Sie bekommen einen besseren Preis und die Ernte wird vorfinanziert. Ein Container Kaffee ist derzeit 120.000 US-Dollar wert. In fairen Handelsbeziehungen wird das Geld im Vorfeld aufgebracht. So müssen sich die Kaffeeproduzierenden nicht zu hohen Zinssätzen verschulden. Wenn man das große Ganze betrachtet, finde ich, geht es aber auch durchaus um Schlagwörter wie «Würde» und «Selbstbestimmung». Sicherlich wird durch fairen Handel den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern kein Mittelklasseleben ermöglicht, aber es wird ein Rahmen geschaffen, in dem sie selbstbestimmter agieren können. Und sie erhalten Planungssicherheit, weil wir als ihre Handelspartner langfristig dabei bleiben. So können sie sich für Projekte entscheiden, die nur über einen längeren Zeitraum zu realisieren sind.

Wie sieht die Zusammenarbeit von MITKA mit den Partnern vor Ort aus?

Der Kontakt ist relativ eng. Alle zwei Jahre reist eine Gruppe von uns zu den Kooperativen. Ich selbst bin jedes Jahr in Lateinamerika. Allein kann man sich intensiver unterhalten als in einer großen Gruppe. Gelegentlich treffe ich auch Vertreterinnen und Vertreter der Kooperativen auf Konferenzen. Das alles gilt vor allem für Nicaragua. Nach El Salvador, Mexiko und Honduras besteht seltener Kontakt. Dort bin ich nur alle zwei bis drei Jahre. Aber der meiste Kaffee der MITKA kommt ohnehin aus Nicaragua.

Um was geht es bei diesen Besuchen?

Wir schließen Verträge, vereinbaren Preise oder beratschlagen, was zu tun ist, wenn durch eine schlechte Ernte nicht genug Kaffee zur Verfügung steht. Es kommt auch vor, dass ein zuvor vereinbarter Preis nicht mehr funktioniert. Wenn Zwischenhändler in einzelnen Regionen versuchen, durch künstlich hohe Straßenpreise für den Kaffee – über dem gängigen Weltmarktpreis – den Kooperativen ihre Mitglieder abzuwerben. So zerstören sie die Kooperativen und können später die Preise wieder senken, ohne dass die dann unorganisierten Kaffeebäuerinnen und Kaffeebauern sich noch dagegen wehren können. In solch einer Situation pochen wir aber nicht auf unseren Vertrag, sondern versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Menschen, die sich für fair gehandelten Kaffee entscheiden, interessieren sich für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der produzierenden Menschen. Wie gelangen Informationen darüber nach Deutschland?

Wir betreiben eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit. Die acht Einzelmitglieder der MITKA, die den Kaffee in Deutschland vertreiben, informieren abhängig von ihrem Vertriebsweg über die Kooperativen und die sozialen und politischen Bedingungen vor Ort.

Wann kam die Idee auf, Kaffee aus Nicaragua in Deutschland zu verkaufen?

Die MITKA wurde 1986 gegründet. Im Rahmen der Solidaritätsarbeit mit dem sandinistischen Nicaragua sollte durch einen Aufschlag auf den Kaffeepreis der Aufbau des Landes direkt unterstützt werden. Gleichzeitig wollten wir weltwirtschaftliche Zusammenhänge und Ausbeutungsverhältnisse sichtbar machen.

Wie das?

Wir wussten zum Beispiel, wie viele Stunden man in Nicaragua arbeiten muss, um sich einen Traktor leisten zu können. Es ließ sich also umrechnen, welchen Preis der Kaffee in Deutschland haben muss, um zu gerechteren Handelsbeziehungen zu kommen.

Von wem wurde die internationale Nicaragua-Solidarität in Deutschland getragen?

Die Revolution fand im Jahr 1979 statt. Auch vorher gab es schon eine Solidaritätsbewegung mit den – ich würde mal sagen relativ pfiffigen – Guerillakämpfen, die zum revolutionären Sieg führten. Nach dem Wahlsieg der Sandinisten wurde die Solidaritätsbewegung noch deutlich stärker. Im Rahmen der ostdeutschen Solidarität wurde das berühmte Carlos Marx Hospital gebaut. Für mich als Teil der westdeutschen Solidaritätsbewegung sah es so aus, als könnte in Nicaragua etwas wirklich Neues beginnen: Eine Alternative zum versteinerten Realsozialismus und gleichzeitig ein nicht kapitalistisches Projekt, also eine Art Zwischenweg.

Waren christliche Gruppen auch Teil der Solidaritätsbewegung?

Die FSLN war sehr breit aufgestellt, entsprechend breit war die Solidaritätsbewegung. Zur westdeutschen Bewegung gehörten sicher auch kirchliche Gruppen. In Ostdeutschland agierten unabhängige Solidaritätsgruppen auch unter dem Dach der Kirche.

Die Tage der christlichen Befreiungstheologen in Lateinamerika, die eine große Rolle in der antikolonialen Bewegung spielten, waren aber zum Zeitpunkt der Sandinisten schon gezählt. Es gab und gibt etwa noch Ernesto Cardenal Martínez, ein Vertreter der Befreiungstheologie und suspendierter katholischer Priester, der Sozialist ist und auch in Deutschland bekannt ist. Auf der anderen Seite steht Kardinal Miguel Obando y Brava, ein rechtskonservativer Kirchenvertreter, der schon während der Revolution einen großen Einfluss hatte und noch immer viel Macht in Nicaragua genießt.

Stärkung von selbstverwalteten Kooperativen

1990 wurden die Sandinisten abgewählt. Was bedeutete das für MITKA?

Von der Niederlage der Sandinisten waren alle überrascht. Große Teile der Solidaritätsbewegung brachen weg, auch MITKA war davon betroffen. Für uns bedeutete das große Veränderungen. MITKA hatte zuvor nicht mit einzelnen Projekten zusammengearbeitet. Wir hatten das Große und Ganze im Blick. Das Motto hieß: Wir unterstützen einen ganzen Staat. Nach 1990 haben wir dann angefangen, mit Genossenschaften und Arbeiterbetrieben zusammenzuarbeiten. Bald zeichnete sich allerdings ab, dass die meisten weder kollektiv noch kostendeckend weiterarbeiten können. Also haben wir die Zusammenarbeit mit Projekten gesucht, die von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern selbst aufgebaut wurden.

Wie verändert sich das Zusammenleben in den Kooperativen, die in faire Handelsbeziehungen eingebunden sind, etwa aus der Perspektive beteiligter Frauen?

Die Organisierung in Kooperativen hat Auswirkungen auch über den Kaffeebereich hinaus. Zum Beispiel nutzen Frauen die Gemeinschaftsstrukturen, um sich über Gesundheitsfragen weiterzubilden oder sich mit geschlechtsspezifischen Gewaltverhältnissen auseinanderzusetzen. Laut einer Erhebung ist die Scheidungsrate in einigen Kooperativen gestiegen. Im Wissen darum, dass die Kooperative sie unterstützt, können einige Frauen ihre Männer eher rausschmeißen, was unter anderem nach Missbrauchserfahrungen der Fall ist. Andererseits erleben einige Kooperativen aber auch, dass das Selbstbewusstsein der Frauen durch die eigene und unabhängige Einkommensmöglichkeit wächst. In den Familien wird gleichberechtigter zusammengearbeitet – so dass die Scheidungsraten sogar abnehmen, weil der Zusammenhalt wächst. Wie man das am Ende bewertet, kommt wohl auch auf die Perspektive an.

Als Argument für fairen Handel wird oft genannt, dass die Abwanderungsraten sinken. Den Menschen wird eine ökonomische Perspektive geboten, an dem Ort zu bleiben, an dem sie aufgewachsen sind.

In der Tat konnten während der Kaffeepreiskrise 2000 bis 2004 die im fairen Handel organisierten Kaffeeproduzierenden ihr Land meist behalten. Viele unorganisierte Kleinbäuerinnen und Kleinbauern waren indes gezwungen, ihre Ackerflächen zu verkaufen. Der faire Handel bietet aber vor allem Wahlmöglichkeiten. In Mexiko wandern zum Beispiel in manchen Regionen mehr Kooperativenmitglieder in die USA aus als nicht organisierte Bäuerinnen und Bauern, denn die Kooperativenmitglieder verfügen überhaupt erst über die notwendigen Ressourcen, um sich auf den Weg zu machen. Dieser Weg bleibt anderen verwehrt.

Herausforderungen im globalen Kapitalismus

Zu den Schlagworten «Würde» und «Selbstbestimmung»: Gehört dazu auch, dass sich eure Partner vor Ort über die Bedeutung fairer Handelsbeziehungen in einer eigentlich zutiefst entfremdeten, kapitalistischen Weltwirtschaft bewusst sind?

Aus Gesprächen mit in Kooperativen organisierten Bäuerinnen und Bauern weiß ich, dass sie oft eine ganz gute Vorstellung davon haben, wie viel sie von dem Preis abbekommen, der letztlich für den Kaffee erzielt wird. Sie wissen, was mit ihrem Produkt passiert und sie behalten länger die Kontrolle darüber. Entscheidend ist natürlich auch, dass sie in einem gewissen Rahmen selbst bestimmen können, an wen sie ihren Kaffee verkaufen.

Kaffeekonsumentinnen und -konsumenten in Deutschland wissen oft weder, wo der Kaffee herkommt, den sie trinken, noch, wie der Preis dafür zustande kommt. Bei euren Partnern vor Ort ist das anders?

Auch Schwankungen an entfernten Märkten können den Kaffeepreis beeinflussen, der auf der Börse ausgehandelt wird. Wenn die Immobilienblase in den USA platzt, hat das Auswirkungen auf den Kaffeepreis. Dessen sind sich die Kaffeebäuerinnen und -bauern manchmal mehr bewusst als die Konsumentinnen und Konsumenten in Deutschland.

Ausgehend von deinen Erfahrungen in der MITKA, was ist in Bezug auf die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge zu tun?

Eine große Rolle spielen hier internationale Handelsabkommen wie NAFTA oder CAFTA für Mittelamerika oder die Assoziierungsabkommen zwischen der EU und verschiedenen Ländern und Regionen der Welt.

Hier gilt es, sich einzumischen. Vor allem die Entwicklungen im Agrarbereich und der Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut bedürfen einer kritischen Öffentlichkeitsarbeit, ebenso die Frage nach der Privatisierung bzw. dem freien Zugang zu Saatgut. Im Gegensatz zu den Protesten gegen den IWF-Kongress 1988 in Westberlin, die auch von dem Umfeld der MITKA getragen wurden, muss man heute wesentlich kleinteiliger, konkreter und differenzierter agieren. Mit einem schlichten Gut-Böse-Denken und pauschalen Verurteilungen kommt man heute nicht weiter. Die Verhältnisse haben sich geändert. Der IWF bringt zwar immer noch keine guten Projekte hervor, aber die Weltbank agiert beispielsweise anders als Ende der 1980er Jahren.

Faire Handelsbeziehungen finden letztlich immer noch innerhalb kapitalistischer Verhältnisse statt. Sollte man deshalb nicht eher von «faireren Verhältnissen» sprechen statt von «fairem Handel»?

Sicherlich, der Rahmen unserer Handelsbeziehungen ist und bleibt die kapitalistische Weltwirtschaft. Wenn wir gemeinsam mit den Kooperativen versuchen, einen faireren Preis zu finden, sind wir nicht unabhängig von der Börse. Der Wechselkurs von Euro und US-Dollar hat einen großen Einfluss. Wir orientieren uns allerdings nicht am aktuellen Weltmarktpreis, sondern an einem Durchschnittswert. So wird das Ganze ein klein wenig weniger spekulativ. Insofern würde ich den Symbolwert des Handels ohne Profitstreben, wie wir ihn verfolgen, nicht außer Acht lassen.

Es geht am Ende also auch um die demokratische Gestaltung des Währungs- und Finanzsystems?

Klar. Allerdings sind und bleiben faire Handelsbeziehungen ungeachtet von weitergehenden politischen Würfen konkrete Beziehungen zwischen Menschen, die von Solidarität geprägt sind – und zwar auf beiden Seiten. Ein Beispiel: Eine Kooperative, mit der wir zusammenarbeiten, liefert inzwischen Kaffee in sehr guter Qualität. Eine Organisation in den USA ist in hohem Maße an diesem Kaffee interessiert und würde gerne die gesamte Ernte kaufen. Weil MITKA die Kooperative von Anfang an unterstützt hat, haben sich ihre Mitglieder allerdings dagegen entschieden und verkaufen ihren Kaffee weiter an uns. Die gegenseitige Solidarität zeigte sich auch im vergangenen Jahr. MITKA zahlte traditionell immer ein bisschen mehr als andere im fairen Handel. Angesichts der kontinuierlich steigenden Preise fiel die Berechnung des Durchschnittspreises für die Kooperativen allerdings niedriger aus. Gleichwohl gab es Kooperativen, die mit den geringeren Erlösen einverstanden waren. Sie wussten, dass es für uns nicht einfach ist, höhere Preise in Deutschland durchzusetzen.

Ohnehin kostet euer Kaffee mehr als im Supermarkt. Welche Rolle spielt der Preis neben dem, dass sich die Konsumentinnen und Konsumenten eures Kaffees für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der unmittelbaren Produzierenden interessieren und konkrete Solidarbeziehungen unterstützen wollen?

Der Einkaufspreis im Kaffee hat sich im letzten Jahr verdoppelt. In Deutschland ist das nicht so spürbar, weil der Einkaufspreis für den Rohkaffee nicht einmal die Hälfte des Verkaufspreises ausmacht. Trotzdem mussten wir die Preise ganz schön anheben. Erstaunlicherweise ist unser Absatz aber nicht gesunken. Entgegen unseren Erwartungen ist er sogar gestiegen. Offensichtlich spielt der Preis bei kritischen Kaffeetrinkerinnen und Trinkern nicht die entscheidende Rolle, zumindest nicht bei denen, die es sich leisten können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Anna Weber, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Kooperationsprojekt der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der Region Boaco, Nicaragua

ADM (Asociación para el Desarrollo Municipal)

www.admnicaragua.org

Der Verein für kommunale Entwicklung ADM wurde 1994 gegründet. Ziel ist es die Gemeinden der östlich von Managua gelegenen Region Boaco bei der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen im ökonomischen, sozialen und ökologischen Bereich zu unterstützen. Dafür entstanden im Laufe der Jahre Bürgerkomitees, die durch die Entwicklung von Agenden und strategischen Plänen Einfluss auf die Kommunalpolitik nehmen. Außerdem unterstützt ADM den Zusammenschluss der sechs Gemeinden der Region Boaco in einer Vereinigung und berät bei den gemeinsamen Entwicklungsstrategien.
Die RLS arbeitet seit 2004 mit ADM zusammen und unterstützt die Weiterbildung in Gemeindeentwicklung und lokalen Demokratieprozessen in drei Gemeinden der Region. Die Schulungen umfassen die Erstellung von Bürgeragenden, Bürgerhaushalten, ihre Verhandlung mit örtlichen EntscheidungsträgerInnen, sowie das Monitoring ihrer Umsetzung. Dafür werden didaktische Materialien für die Arbeit auf lokaler Ebene erstellt. Damit die vielseitigen Erfahrungen in den Bürgerbeteiligungsprozessen auch der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht werden können, wurde 2008 ein Informations- und Dokumentationszentrum in der Kreishauptstadt eröffnet. Die Schulung der Frauen wird zunehmend gefördert, um eine paritätische Partizipation in bestehenden Bürgerbeteiligungsinstanzen und entsprechende Verhandlungskompetenzen zu ermöglichen.

Übersicht über die Kooperationspartner der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der Region Mexiko, Zentralamerika und Kuba

 

Reihe Standpunkte international Torge Löding 

Christlich, sozialistisch, solidarisch. Wahlen in Nicaragua

Standpunkte International 13/2011 von Torge Löding.

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