»Glücklich ist da niemand«

In der Universitätskirche, hier der Innenraum im Februar 2011, werden nur Versorgungsleitungen verlegt – sonst tut sich nichts. Fotos: Armin Kühne und Uwe Winkler

In der Universitätskirche, hier der Innenraum im Februar 2011, werden nur Versorgungsleitungen verlegt – sonst tut sich nichts. Fotos: Armin Kühne und Uwe Winkler

Es gibt sie tatsächlich, die Baufortschritte an der Leipziger Paulinerkirche. Im August vergangenen Jahres fielen die äußeren Baugerüste, die Hülle des Aula- und Kirchengebäudes erstrahlt also in ihrem fertigen Zustand. Am 2. Dezember durfte für einen Tag auch schon das Neue Augusteum, das künftige Hauptgebäude der Universität, welches die Universitätskirche umschließt, in Augenschein genommen werden. Und Mitte Dezember erfolgte die technische Überprüfung der Universitätsglocke im Dachreiter.

»Sie ist betriebsfähig, aber noch nicht klangfertig«, sagt der Glockenbeauftragte Roy Kreß. Dafür fehle über der 250 Kilogramm schweren Bronzeglocke aus dem Jahr 1659 noch ein Resonanzboden, so der kirchliche Baupfleger aus Leipzig. Dann könnte sie die Universitätsgottesdienste einläuten.

Wann sie dies allerdings das erste Mal nach der Sprengung der Kirche 1968 wieder tun wird, das traut sich derzeit niemand zu sagen. »Im Innenraum der Paulinerkirche hat sich gegenüber 2010 nichts wesentlich verändert«, sagen alle am Baugeschehen Beteiligten. »Das ist der absolute Rohbau.«

Mit dieser Begründung verweigert das Sächsische Finanzministerium als Bauherr derzeit alle Fotoaufnahmen und teilt mit, es gäbe intensive Gespräche mit dem Architekten Erick van Egeraat zum Innenausbau. »Wir müssen sehen, wie seine Entwürfe umgesetzt werden können und wir dabei den Kostenrahmen einhalten«, sagt Ministeriumssprecher Stephan Gößl und ergänzt: »Der gesamte Uni-Neubau hat bereits jetzt über 200 Millionen Euro gekostet.«

Im Modell wird sichtbar, wie der Chorraum aussehen soll: Zentral steht der Paulineraltar, zwischen den Säulen hängen die Epitaphe. Foto: Kustodie

Im Modell wird sichtbar, wie der Chorraum aussehen soll: Zentral steht der Paulineraltar, zwischen den Säulen hängen die Epitaphe. Foto: Kustodie

Der Vorsitzende des Paulinervereins benennt die konkreten Konflikte mit dem Architekten: »Die Lichtsäulen und die Deckengestaltung sind umstritten«, sagt Ulrich Stötzner. »Dazu sind auch schon Versuche im Innenraum gemacht worden.« Und dabei blieb es. Der Bauverzug ist mittlerweile erheblich. 2009 sollte ursprünglich alles fertig sein, später 2011. »Glücklich ist da niemand«, sagt Stephan Gößl zum langen Stillstand. Er betont aber, dass zumindest das angrenzende Augusteum und das Dachgeschoss der Paulinerkirche »zum Sommersemester« von der Universität übernommen werden könnten. Und der Ministeriumssprecher macht Hoffnung, dass danach der Aula- und Kirchenraum im Mittelpunkt steht.

Das tut er ausnahmsweise auch schon an diesem Wochenende durch ein Benefizkonzert unter Schirmherrschaft von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Dabei sammelt die Stiftung »Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig« Geld für eine sogenannte Schwalbennestorgel. Dieses Instrument im Renaissance- oder Frühbarockstil soll hoch oben an der Wand im Chorraum, also dem zukünftigen Kirchenraum, entstehen, berichtet der Stiftungsvorsitzende Martin Oldiges.

Bis zu 350 000 Euro seien für die traditionsreiche Orgel veranschlagt, die im weiten Umkreis ihresgleichen suche. Die Ausschreibung dafür ist schon erfolgt, so Oldiges. Die andere Orgel in dem Gebäude wird die Jehmlich-Orgel auf der Westempore und damit im Aula-Bereich sein. »Die Orgel liegt schon beim Orgelbauer auf Lager«, sagt Universitätsprediger Rüdiger Lux. »Da fallen schon Kosten an«, macht der Theologieprofessor auf die Folgen des Bauverzugs aufmerksam.

Lux denkt auch an seine Universitätsgemeinde: »Wir sind weiterhin zur Miete in der Nikolaikirche und warten auf die Fertigstellung der Universitätskirche für unsere Gottesdienste im eigenen Haus.« Für ihn persönlich kommt noch hinzu, dass er im Sommer mit 65 Jahren emeritiert wird. »Ich hätte den Bau gerne mit eingeweiht.«

Den Raum so bald wie möglich nutzen, das möchte auch der Kustos der Universität. »Ich würde gern in einem Jahr loslegen«, hofft Rudolf Hiller von Gaertringen, um dann 21 große Grabplatten im Chorraum aufhängen zu können. »Die Epitaphien sind größtenteils restauriert«, so der Kustos. Jetzt fehlen ihm noch die Stahlgerüste für die Aufhängung der Kunstwerke in drei Metern Höhe.

Außerdem brauche der 17 Meter hohe Chorraum eine Klimatisierung und ein Befeuchtungssystem, um die Epitaphien und den Paulineraltar aus der Thomaskirche fachgerecht konservieren zu können. Das funktioniere nach Meinung des Kustos nur, wenn der Chorraum vom Mittelschiff, der Aula, durch eine Glaswand abgetrennt ist. »Ohne Glaswand geht es nicht«, sagt Rudolf Hiller. Der Paulinerverein und die Kirchenvertreter dagegen lehnen die Glaswand ab. Sonst hätte auch die aus der alten Paulinerkirche gerettete Kanzel nach ihrer Restaurierung keinen Platz mehr.

Uwe Naumann

⇒ DER SONNTAG [Sachsen]