Sich beugen vor dem Größeren ist eine Lebenshaltung

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Daniel 9, Vers 18

 
prayer

Wenn wir uns niederwerfen zum Gebet, denken wir daran, dass der Mensch einmal zur Erde zurückkehren wird und ein Nichts ist vor dem Ewigen«, sagte mir ein Moslem auf dem Tempelberg in Jerusalem. Diese Gebetshaltung der Muslime ist uns fremd oder wir sind zu stolz dazu. Man kann dies auch anerziehen, etwa wie das Knien der Katholiken zum Gebet. So kann aus der Gewohnheit auch eine Geisteshaltung entspringen, denn sicher hat die Gebetshaltung ihre Wirkung auf die Menschenseele.

Sich beugen will also gelernt sein. Doch der Mensch beugt sich nicht gern, weder vor seinem Nächsten, noch vor seinem Schöpfer. »Der kleine Gott von dieser Welt« (Goethe) spielt sich gern auf, ist stolz auf seinen Verstand und seine doppelgesichtigen Errungenschaften. Doch: »Hochmut kommt vor dem Fall«, lehrt der Volksmund und unfreiwillig ist der Mensch schon oft gefallen.

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis. Foto: Archiv

Die Bibel weiß auch um andere Erfahrungen: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen …« (Psalm 121) und Jahrmillionen bauen sich vor mir auf. Solche Gipfelerlebnisse können uns die Gewalt der Schöpfung erfühlen lassen. Sie zeigen, wie zwergenhaft der Mensch ist. Wie unscheinbar und winzig erscheint dann alles, wenn wir es von oben betrachten.

Der Blick auf eine Blume oder einen Schmetterling, zeigen sie nicht das unergründliche Geheimnis des Daseins und lehren uns die Ehrfurcht vor dem Leben auf dieser Erde? Hinter allem lässt sich die göttliche Kreativität erfahren, der auch wir unser Leben verdanken. Wem ist da nicht schon ein frommes Gebet von den Lippen gegangen? Sich neigen vor dem Größeren ist nicht nur eine Gebets-, sondern vor allem eine Lebenshaltung.

Ulrich Seidel

Der Autor ist Pfarrer in Brandis.

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